Rheinfelden Außerhalb der Wohlfühlzone

Die Oberbadische, 14.02.2018 02:33 Uhr

Von Jürgen Scharf

Rheinfelden. Die frischgebackene Grammy-Gewinnerin Patricia Kopatchinskaja trat bei den „Klassik Sternen Rheinfelden“ auf und ruhte sich kein bisschen auf den Lorbeeren aus, ganz im Gegenteil. Sie spielte ein höchst avanciertes und abwechslungsreiches Programm. Die in Bern lebende Ausnahmegeigerin geht gern andere und neue Wege und fordert das Publikum heraus.

Etwa in den drei Stücken von Kurtág. Hier muss man im Musiksaal des Kurbrunnens schon sehr die Ohren spitzen, um diese teils aphoristische Musik auf den leeren Saiten der Geige mitzubekommen. Aber Kopatchinskaja und ihre Klavierpartnerin Polina Leschenko gehen Kurtág mit ganz natürlichem Klangsinn an. Kopatchinskaja spielt mit einer inneren Intensität und Intimität das erste monotone, mysteriöse Stück („Öd und traurig“); das dritte („Aus der Ferne“) extrem langsam, ganz entfernt, fast schon in kosmischer Weite. So kurz die Stücke sind, so fantastisch und aufregend klingen sie bei ihr.

Vor dem ungarischen Modernisten Kurtág gab es eine kurzfristige Programmänderung, weil sich die Interpretinnen aus künstlerischen Gründen entschieden hatten, statt einer Mozart-Sonate die erste Violinsonate von Schumann zu spielen. Hier gefiel das kammermusikalische Dialogisieren, die dezente Eleganz und atmende Phrasierung der Geigerin, die das Stück leidenschaftlich aufblühen lässt. Der erste Teil wurde mit den Violinsonaten von Debussy und Poulenc dem Programmtitel „Impressions françaises“ mehr als gerecht.

Wer noch kein Fan des faszinierenden rumänischen Komponisten George Enescu war, der wurde es an diesem Abend beim gut 20-minütigen Hauptwerk des Recitals, den „Impressions d’enfance“, also Eindrücken aus der Kindheit von Enescu, der ja ein Wunderkind war, als Fünfjähriger schon komponierte und die Klänge der Kindheit zeitlebens nicht vergaß: Vogelstimmen, Grillen, rauschende Bäche, Wiegenlieder.

Im ersten Stück („Fiedler“) porträtiert sich Enescu mit schwierigen Violinpassagen selber, eine höchst virtuose Bogentechnik braucht es hier, auch ganz natürliche Klänge der Geige. Die Violine hat hier ein wichtiges Solo, wie auch später im „Vogel im Käfig“ oder im „Wind im Kamin“. Kopatchinskaja und ihre sehr aufmerksame Klavierbegleiterin erwecken diese rumänischen Klangbilder zum Leben.

Die moldawische Geigerin hat ein wunderbares Gespür für die freien Rhythmen des in der rumänischen Folklore wurzelnden „Parlando-Rubato“. Hinreißend ihr agogisches Gespür für komplexe Rhythmen, klangliche Valeurs und die phänomenale Virtuosität Enescus. In dieser Interpretation scheint wirklich der Mond durchs Fenster, säuselt der Wind im Schornstein, tobt der Sturm in der Nacht. Noch jetzt hat man Kopatchinskajas Vogelgezwitscher im Ohr.

Die Geigerin erweist sich mit dieser Musik intim vertraut und lässt sich sowohl auf die Stimmungen ein, so dass alles authentisch klingt, als auch auf die kindliche Empfindungswelt. Ihre im rumänischen Melos verankerte Interpretation macht hörbar, dass diese Enescu-Suite der Kindheitserinnerungen in eine Reihe der besten Stücke aus der Kinderwelt zu stellen ist, neben Schumann (Kinderszenen), Mussorgsky (Kinderstube) und Debussy (Children’s Corner).

Wer Enescu bisher nicht kannte, fand hier einen idealen Einstieg in die Musik dieses Lehrers von Yehudi Menuhin. Schelmisch kündigt die Geigerin die Zugabe an, es würde nicht leichter, sondern schwieriger: ein Satz aus der ersten Sonate des russisch-deutschen Neoklassizisten Alfred Schnittke. Das war wieder mutig und wieder konsequent von Kopatchinskaja, ihre Zuhörerschaft bis zum Schluss außerhalb der Wohlfühlzone zu belassen.

 
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