Von Peter Rombach

Rheinfelden. Vierzig Jahre lang sorgten Fluor-Emissionen aus der am badischen Rheinufer stehenden Aluminiumfabrik für Ärger und Protestaktionen im unteren Fricktal. Absterbende Waldzonen und kranke Rinderbestände lösten einen Volkszorn aus, die Industrie akzeptierte nur zögerlich Schadenersatzzahlungen.

„Der Fricktaler Fluorkrieg in Rheinfelden und Möhlin“ bildet denn auch ein umfangreiches Thema im Werk Rheinfelder Neujahrsblätter 2014. Der Autor Henri Leuzinger, Journalist, Fotograf, Experte für Raumplanungs- und Baurechtsfragen, leistete umfangreiche Recherchearbeiten und musste dabei eine Fülle an Informationsquellen studieren und auswerten.

Die Fluor-Problematik geriet fast in Vergessenheit, nachdem 1991 die Aluminium-Produktion und damit die Elektrolyse aus wirtschaftlichen Gründen eingestellt worden war. Damals stand das Rheinfelder Aluminiumwerk am badischen Rheinufer, welches 1998 noch großartig sein 100-jähriges Bestehen gefeiert hatte, vor dem Aus. Der Alusuisse-Konzern wollte den Betrieb liquidieren, weil die Gewinnmargen zurückgingen und nach dem Fall des Eisernen Vorhangs vor allem aus der damaligen Sowjetunion und anderen Ostblockstaaten preiswerteres Aluminium-Metall auf den Markt kam.

Zu ihren Glanzzeiten bot die im Volksmund nur „Alu“ genannte Fabrik gegen 1600 Arbeitsplätze; zur angedachten Schließungszeit waren es knapp 1000. Es formierte sich Widerstand: 1992 organisierte die deutsche Chemiegewerkschaft im Kampf um den Erhalt von Arbeitsplätzen eine bis dato einmalige Protestaktion im Ausland und umwickelte die Zürcher Alusuisse-Konzernzentrale mit Alu-Folien. Konsequenz: Der damalige Alu-Geschäftsführer Alois Franke konnte das Werk zu einem symbolischen Preis dem Konzern abkaufen und mit seinem neu kreierten Management gegen 400 Arbeitsplätze in der badischen Industriestadt retten. Es gelang ihm, später durch Diversifikation in den Unternehmenssparten und Aufsplittung von Produktionsbereichen in selbstständige Unternehmensbereiche eine Standortsicherung und damit hoch qualifizierte Beschäftigungsbereiche zu schaffen.

Das war die jüngste, auch von Protesten geprägte Vergangenheit der Alu. Doch Henri Leuzinger widmet sich in den Rheinfelder Neujahrsblättern jener Zeit, als Bauern, Behörden und Forstleute gegen die starken Fluorbelastungen anrannten, bei Politikern im Aargau wie im Bund relativ wenig Unterstützung fanden. Trotz offensichtlicher Schäden bei Nutztieren, Kulturen und Wäldern. Die Alusuisse betrieb im Wallis in Chippis und Steg ihre beiden größten Aluminiumfabriken, „mit entsprechend gravierenden Umweltproblemen“, wie Leuzinger festhält. In einem ersten politischen Vorstoß habe sich der Gemeinderat Rheinfelden schon im August 1954 an den Bundesrat gewandt und von „fluorhaltigen Abgasen des badischen Aluminiumwerkes“ geklagt.

Weil wenig Resonanz erfolgte, kam es im Mai 1955 zur Gründung einer Fluor-Kommission in Rheinfelden und Möhlin wegen der „wenig kooperativen Haltung“ des Aluminiumkonzerns. Leuzinger skizziert die „harte Haltung der Industrie“ und nennt das Jahr 1958: „Der Fricktaler Fluorkrieg eskaliert.“ Die Fluorkommission organisierte am 22. Juni eine Protestkundgebung, „die Sturmglocken läuteten in allen Kirchen des Bezirks Rheinfelden“, heißt es in der Leuzinger-Dokumentation. Was vielleicht in Vergessenheit geriet: Anschließend besetzten Fricktaler Bauern mit ihren Traktoren die Rheinfelder Rheinbrücke, was den Durchgangsverkehr total stoppte. „Dann kam es aber nicht dazu, dass die Demonstration mit den militant formulierten Spruchbändern und Plakaten direkt an die Werkstore der Aluminium zieht.“