Rheinfelden Der Vater der Frauenklinik ist tot

Die Oberbadische, 12.01.2015 23:01 Uhr

Von Ulf Körbs

Rheinfelden. Er war ein begeisterter Mediziner und der Gründer der ehemaligen Frauenklinik Rheinfelden: Dr. Gerhard Dieterich. Am Freitag vergangener Woche ist der 92-Jährige in Freiburg verstorben, wie sein Sohn Dr. Welf Dieterich gestern bekannt gab.

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Nach Rheinfelden kam der „Patriarch“, wie Sohn Welf ihn nannte, durch seine Frau Hadumoth, geborene Herzog, die er gleich nach dem Krieg geheiratet hatte. Seine Schwiegermutter Therese Herzog- Rebnau, sie gehörte der ersten Generation von Ärztinnen in Deutschland an, hatte 1946, nach elf Berliner Jahren, in Rheinfelden ihre Landarztpraxis wiedereröffnet. Gemeinsam mit seiner Frau half damals der Verstorbene seiner Schwiegermutter, den in der jungen Industriestadt und auf dem Dinkelberg lebenden Patientenkreis zu versorgen.

Das war für den jungen Mediziner manchmal nicht ganz einfach. Nicht weil die Hausbesuche mit dem Fahrrad gemacht werden mussten, sondern oftmals taten sich nämlich Sprachbarrieren auf: Aus dem niedersächsischen Lühnde im Raum Hildesheim stammend verstand er die alemannisch sprechenden Einheimischen nur schlecht, und die sein Hochdeutsch nur selten.

1955 eröffnet Dr. Gerhard Dieterich seine eigene gynäkologische Praxis im „Bampi-schlössle“ in der Zollstraße, heute nach der Schwiegermutter, Rheinfeldens erster Ehrenbürgerin, „Therese-Herzog-Weg“ genannt. Er war im Raum Lörrach-Schopfheim-Säckingen der erst vierte niedergelassene Frauenarzt. Hausgeburten waren an der Tagesordnung, nur schwierige Fälle wurden in einem Krankenhaus entbunden. So erinnert sich Dieterich in seiner Ansprache anlässlich des „25-Jährigen“ der Frauenklinik: „Es war viel zu tun. So mussten wir gleich am Anfang mit dem ambulanten Operieren beginnen“.

Es war also eine logische Pioniertat, als sich Dr. Dieterich mit seiner Frau Hadumoth, die 1991 von einem Auto in Spanien überfahren wurde, entschlossen, ein Krankenhaus zu schaffen: 19. Januar 1957 eröffneten sie in einem Anbau am Bampi-Schlössle einen Kliniktrakt mit 20 Betten. 54 Jahre später muss sein Sohn Dr. Holger Dieterich das Haus aus wirtschaftlichen Gründen, so seine Angaben, wieder schließen. Was der Vater laut Sohn Welf mit großer Bestürzung zur Kenntnis nehmen musste, später aber nachvollziehen konnte.

Der begeisterte Paddler und Sänger Dieterich stammte aus einer Landarztfamilie und war selbst begeisterter Mediziner, der seine Patienten ohne Vorbehalte behandelte. In seiner Ära, er zog sich zu seinem 75. Geburtstag im Jahre 1997 zurück, haben in der Klinik über 20 000 Kinder das Licht der Welt erblickt. Dabei war der Träger der Verdienstmedaille der Stadt Rheinfelden mit größtem Engagement Tag und Nacht mit seinem Beruf verbunden. Sohn Holger erinnerte sich anlässlich des 90. Geburtstages seines Vaters: „Mein Vater hat neben dem Kreissaal geschlafen“. Und Dr. Gerhard Dieterich war so auch zufrieden, denn: „das Schönste am Arztsein ist: Man bekommt viel Dankbarkeit zurück, mehr wahrscheinlich als in jedem anderen Beruf“.

Ein solches Dankeschön bekam er auch von der vielleicht berühmtesten „Tocher der Frauenklinik“, von der weltnekannten Geigerin Anne-Sophie Mutter: „Unter der Obhut von Dr. Gerhard Dieterich kam ich in der Frauenklinik Rheinfelden zur Welt. Wie alle, die das Glück haben, gesund geboren zu werden, habe auch ich dieses grundlegende Ereignis für selbstverständlich genommen – bis ich selbst Mutter wurde. Tausende Neugeborene haben dort das Licht der Welt erblickt – für einen Außenstehenden ist es wohl kaum zu ermessen, welche Betreuungs-Leistungen sich dahinter im Detail verbergen. Dafür ein ganz herzliches Dankeschön.“

u  Die Trauerfeierlichkeit findet auf Wunsch des Verstorbenen im engsten Familienkreis statt.