Rheinfelden Ein Zeichen des Dankes

Ein Kreuz als Zeichen des Dankes im Garten von Helga Kobier Foto: Petra Wunderle

Rheinfelden-Adelhausen -  - Wegekreuze stehen oft an Feldwegen, im Wald oder an Straßenkreuzungen. Sie sind Markierungen und Wegweiser für Wanderer und Pilger. Es gibt auch Kreuze, die ein Zeichen von Dank sind, man nennt sie Votivkreuze. So ein hölzernes Kreuz steht inmitten des Dorfes Adelhausen.

„Mein längst verstorbener Großvater Adolf Kuder hat vor dem Haus dieses Kreuz errichten lassen. Und zwar deshalb, weil eine familiäre Angelegenheit gut ausgegangen ist“, erklärt Helga Kobier. Das Kreuz steht im schön gepflegten Gärtchen vor dem Haus in der Rheintalstraße 40, es prägt seit Ende des zweiten Weltkrieges das Bild in Adelhausen.

Ob ihr Großvater das Kreuz einst selbst gewerkelt hat oder es von einer Firma gemacht wurde, daran kann sich die heute 79-jährige, weltoffene Frau nicht mehr erinnern. Denn, so blickt sie lachend zurück: „Ich war damals gerade einmal drei Jahre alt.“ Eines ist ihr aber lebendig im Gedächtnis: „Wenn früher die Leute am Kreuz vorbeigegangen sind, dann haben sie immer das Vater-Unser-Kreuzzeichen, mit Berührung von Stirn, Brust und linker und rechter Schulter gemacht.“

Vor einigen Wochen hat Helga Kobier das familieneigene Traditionskreuz neu machen lassen. Sie hat die im Ort ansässige Zimmerei Sailer damit beauftragt, es ist das Werk von Inhaber Markus Sailer persönlich. Es ist komplett aus Douglasienholz gefertigt, diese Holzart ist für draußen sehr gut geeignet.

Der Jesus-Korpus ist frisch bemalt, Markus Sailer hat das Kreuz beschriftet und alles passend zusammengefügt. „Das war ein sehr schöner und spezieller Auftrag. So etwas macht man nicht jeden Tag. Dieses Kreuz ist etwas Traditionelles, es ist schlicht und einfach“, beschreibt es Sailer.

Schon einmal, im Jahr 2002, hat Helga Kobier das Kreuz erneuern lassen, da das erste Kreuz verfault war. Markus Sailer geht davon aus, dass das Erst-Werk aus Eichenholz gefertigt war. Vor 19 Jahren wurde das private Kreuz zum ersten Mal erneuert, und zwar aus dem Holz der Kiefer. „Das war ein Dorffest. Der Adolf Kähny betrieb damals noch den Tante Emma Laden in unserem Dorf, er lieferte die belegten Brötchen und die Getränke, die Alphornbläser spielten und der Pfarrer weihte das Kreuz festlich ein. Das war ein Anlass für das ganze Dorf“, blickt Helga Kobier gerne zurück. Und sie verspricht, dass die Segnung des jetzigen Kreuzes auf jeden Fall nachgeholt wird.

Adolf Kähny ist ihr direkter Nachbar, und er hat gerne einen Zustupf für das neue Kreuz gegeben. Der 90-jährige Dorfchronist kann sich noch gut erinnern an die Geschehnisse während des Zweiten Weltkrieges, und er weiß um die Entstehung des Kreuzes der Familie von Adolf Kuder.

Beim genauen Erinnern oder Zuhören von Adolf Kähny und Helga Kobier begegnet man einer Lebens- und Leidgeschichte von zwei Menschen, die zu einer Glaubens- und Dankgeschichte geworden ist. Während des Zweiten Weltkrieges arbeitete ein Kriegsgefangener aus dem ehemaligen Jugoslawien bei der Familie Kuder. Adolf Kuder hatte drei Söhne und zwei Töchter, eine Tochter war ledig. Der Kriegsgefangene und die Tochter verliebten sich ineinander. Als sie schwanger war, durfte das niemand in der Gemeinde erfahren, denn Kriegsgefangenen, die mit einer Deutschen Frau zusammen waren, drohte die Todesstraße.

Dazu erzählt der Dorfchronist: „Ich war damals zwölf Jahre alt. In Brombach wurden mehrere Kriegsgefangene wegen Missachtung dieses Gesetzes des Naziregimes durch Erschießen hingerichtet, die Frauen kamen ins Gefängnis.“ Das Kind wurde geboren, verstarb aber wenige Monate später. Der Kindesvater, den die Familie sehr gern hatte, wurde wenig später, als der Krieg vorbei war, abgeschoben. Wo er hingekommen ist und was aus ihm geworden ist, blieb für die Familie immer ein Geheimnis. „Dass die beiden jungen, verliebten Menschen vor dieser grausamen, sinnlosen Strafe verschont blieben, das war für Adolf Kuder der Anlass, ein Dankes-Kreuz vor dem eigenen Haus errichten zu lassen.

Und Helga Kobier, die inzwischen selbst erwachsene Kinder und Enkelkinder hat, hat ihren Nachkommen längst eine Aufgabe mitgegeben: Nämlich das Versprechen, dass sich immer jemand um den Weiterbestand des Kreuzes kümmert.

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