Rheinfelden Kritisch, hinterhältig und irreal

Die Oberbadische

Von Jürgen Scharf

Rheinfelden. Lilly und Marie stehen Hand in Hand in Sommerkleidchen und -hütchen auf einem Holzsteg und blicken aufs Wasser. Ein Motiv, drei verschiedene Variationen: Einmal fliegt ein Düsenjäger über die Kinder, einmal stehen am anderen Ufer Kühltürme eines Atomkraftwerks; das dritte Bild ist eine Art Utopie, der Erdtrabant als Halbkugel mit einem Vogel im Flug.

Es sind typische Symbole und Chiffren, die der Maler und Grafiker Patrick Luetzelschwab in seinen Bildern einsetzt, von denen er 45 unter dem Überbegriff „Heimat“ im Haus Salmegg in Rheinfelden zeigt.

Heimat? Man stutzt bei einem jungen und trendigen Künstler, der vom Graffito herkommt. Hinterfragt er das Wort „Heimat“? Auf jeden Fall. Sicher gibt es bei ihm kein Bild 1:1. Luetzelschwabs „Heimatbilder“ sind kritisch, hinterhältig und irreal. Kein Wunder, Graffiti-Freaks sind ja auch heute noch auf Bahngleisen zu Hause, und wenn einer mal ein Streetworker war, zieht es ihn immer wieder zu diesen urbanen Arealen zurück.

Luetzelschwab kommt auch aus dieser Szene. So muss man sich nicht wundern, dass selbst in seinen neuen Arbeiten Gleise aus Eisenbahnhallen führen, Stellwerke und Autobahnbrücken bevorzugte Sujets sind. Überhaupt scheinen Gleise von magischer Anziehungskraft für den Künstler, der sein Atelier im Kesselhaus in Weil am Rhein hat.

Mehrdeutig sind die Bilder allemal. Gleich das erste Beispiel, das Triptychon „Lilly und Marie“, das seine beiden kleinen Töchter auf dem Bootssteg zeigt, wie sie auf eine gegenüberliegende (reale? imaginäre?) Landschaft schauen, hat nur auf den ersten Blick etwas Heimatliches und ist, wenn man näher hinschaut und an die Gefahren der heutigen Menschheit denkt, gar nicht anheimelnd. Eines der beiden Mädchen liegt regungslos auf dem Steg – Heimat auch als Bedrohung unseres Lebens.

Luetzelschwab erzählt gern, ganze Bildergeschichten. Als fantastischer Erzähler führt er mit großer Gestaltungskraft trickreich und absichtsvoll den Betrachter in Sackgassen hinein. Aber man folgt ihm dabei gern in seine pseudoromantische Welt von Fern- und Heimweh, denn er macht in seinen Bildern richtige Erfindungen. Und grafisch sind seine Mischtechniken allemal spannend, handwerklich perfekt und apart gemacht. Als Ausgangspunkt dient ihm die Fotografie und, wie man sieht, auch Familienfotos.

Ausgehend von solchen Vorlagen transformiert Luetzelschwab mit seinen grafischen Einmischungen und einer gekonnten Spray- und Schablonentechnik das Abbild in ein neues, oft irritierendes Bild. Bedeutungsvoll verwandelt er Realität in Fiktion. Ob das nun der Wasserturm aus Haltingen ist mit dem Großbuchstaben GB (für „Gangbang“), der indonesische Fischer auf seinem Boot in verschiedenen Materialvarianten bis hin zu eingeschweißtem Polyesterharz, oder das kleine Figürchen, das in die verschiedensten Motive hineingeschmuggelt wird und waghalsig auf Kränen, Buhnen, Gleisen, Brücken oder im Fluss sitzt und gar winzig wie eine Spielzeugfigur wirkt – immer sind das verfremdete Bilder der Umgebung, die beim Betrachter Assoziationen wecken, oft surrealistisch anmuten, kurz: inszenierte Bilder.

Das hängt mit der experimentellen Neigung Luetzelschwabs zusammen, mit seinem spielerischen Umgang mit dem Material, der Lust an Montage und Collage, der Freude an Anekdotenhaftem und dem Spiel mit Effekten. Technisch entstehen seine Siebdrucke ganz ähnlich wie die von Andy Warhol.

Luetzelschwabs Fotomontagen sieht man an, dass er gerne Räume konzipiert und gestaltet. Für den jetzigen Ausstellungsort hat sich der Künstler - neben Motiven aus Weil und Basel – speziell mit dem Rheinhafen, der Rheinbrücke und anderen Rheinfelder Sujets beschäftigt.

Patrick Luetzelschwab filmt auch „Heimat“ ab. In einem 20-minütigen Film werden Eindrücke aus dem fahrenden Auto, Zug und Flugzeug zusammengeschnitten. Abreise und Ankunft, die Verbundenheit zum Ort, das Unterwegssein und das Irgendwohin sind für ihn also weitere wichtige Themen. u  Bis 2. August, Samstag und Sonntag von 12 bis 17 Uhr.

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