Rheinfelden Offenbarung für Auge und Ohr

Die Oberbadische, 06.12.2017 01:42 Uhr

Von Jürgen Scharf

Rheinfelden/Schweiz. Auf ihrer jüngsten CD ist Regula Mühlemann „Cleopatra“. Auf dem Cover ist sie gestylt und geschminkt wie eine ägyptische Herrscherin mit Kajal-umrandeten Augen. Auch ohne diese fotogene Aufmachung ist die junge Schweizer Sopranistin nicht nur optisch, sondern stimmlich eine Offenbarung. Zu hören war dieser Shooting Star beim ersten Konzert der neuen Saison der „Klassik Sterne Rheinfelden“ im, wie könnte es bei diesem Anlass anders sein, prall gefüllten Bahnhofssaal.

Mühlemann sang barocke Arien von Händel aus dem „Messias“, der Ode zum Geburtstag von Queen Anne und aus dem Oratorium „Samson“. Also nicht die furios-dramatischen Barockopern-Arien mit ihren Gefühlszuständen und feurigen Koloraturen, sondern geistliche Musik. Und doch trifft die Sängerin mit ihrer goldlegierten Stimme samtweich und warm die musikalischen Affekte. Wunderbar kann sie ihre Koloraturbegabung ausstellen in Händels „Let the bright Seraphim“ aus „Samson“.

Die Sängerin ist eine sympathische Erscheinung und strahlt viel Natürlichkeit aus. Ihre Stimme hat jene betörende Farbe und gloriose Höhe, die große Soprane ausmacht. Ein besonderes Ereignis war die Händel-Arie „Eternal source of light divine“ aus der königlichen Geburtstagsode mit dem überraschenden Einsatz einer Ferntrompete vom Balkon. Immanuel Richter spielte hier mit sauberster Phrasierung auf der Naturtrompete.

Herzstück des Auftritts des angesagten Jungstars am internationalen Gesangshimmel war Mozarts populäres „Exsultate, jubilate“. Mühlemann singt die Solopartie dieser Motette glockenklar mit sicheren Spitzentönen, die von ihrem edlen Organ getragen werden. Das Rezitativ in der Mitte leuchtet dramatisch-freudig akzentuiert auf, und das „Alleluja“ war wahrlich atemberaubend in den lupenreinen, brillanten Koloraturen brillanten.

Auch das Spiel der Capella Gabetta unter dem affektvoll in zwei Violinkonzerten von Vivaldi und Zavateri aufspielenden Barockgeiger Andrès Gabetta im historischen „Sound“ war sehr differenziert, ja geradezu furios. Gabetta an der Solovioline war „at his best“ und geigte wie ein zweiter Carmignola.

Die Lebendigkeit und das Schwungvoll-Elegante dieses Barockorchesters kam auch einer Ouvertüre von Hasse und Johann Christian Bachs Sinfonia Nr. 6 zugute. Die Capella, die in recht großer Besetzung mit Bläsern – allein zwei Naturhörner in Glucks „Furientanz“ aus „Don Juan“ - auftrat, beteiligt sich an dem neuerlichen Barock-Boom und spielt geradezu halsbrecherisch. Diese modernen „Barocker“ betonen heute, anders als noch vor 20 Jahren, die Suggestivkraft der Musik sehr stark und artikulieren bis zum Exzess. Der enorme Applaus steigerte sich nach der Zugabe, einem temperamentvollen Fandango mit Kastagnetten-Geklapper, zu einem wahren Beifallssturm.

 
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