Rheinfelden Politisch und poetisch

Die Wormser Papierkünstlerin Anna Bludau-Hary vor ihrer großen „Cloud“-Installation Foto: Jürgen Scharf Foto: Die Oberbadische

Von Jürgen Scharf

Rheinfelden. Mogadischu, Haiti, Dschibuti: Nur drei Namen, die symbolisch für Zeltstädte und Notunterkünfte weltweit stehen. Die raumgreifendste Installation aus stilisierten Zeltdächern in der Einzelausstellung von Anna Bludau-Hary im Rheinfelder Haus Salmegg ist Mahnmal und Denkmal zugleich: Die 200 Zelte – genauer gesagt sind es Papierdächer auf dünnen Metallstangen, die sich im leichtesten Luftzug bewegen – erschließen sich erst auf den zweiten Blick.

Dann nämlich, wenn man die aufgedruckten Namen der Länder und Orte auf den Zelten identifiziert. In diesem Moment kommen dem Betrachter Bilder aus der Berichterstattung in den Medien hoch: Bei dieser Kunstinstallation handelt es sich um die Darstellung von Flüchtlingslagern und Hilfsprojekten, wie dem großen Lager in Kenia, das sogar aus dem All erkennbar ist. Damit zeigt die in Worms lebende Papierkünstlerin symbolhaft die heutige fragile Situation der Menschen in Zeltlagern.

Auch eine andere Bodeninstallation in dieser Ausstellung mit dem Titel „Gestrandet“ greift das Thema wieder auf. Diesmal mit kleinen Fundsteinen und fahnenähnlichen Dächern. Auch die Arbeit „Spam“ ist eine sozial gedachte Installation: eine stilisierte Datenkrake, die ihre Tentakeln in den Raum greifen lässt. Mit einer zeltartigen Unterkonstruktion und mit Draht verbundenen Papierfragmenten charakterisiert Bludau die sozialen Medien und Netzwerke und die überbordende Bilder- und Nachrichtenflut. Das ist der eine Aspekt dieser Ausstellung, der politische und zeitkritische. Der andere, das ist die Ästhetik dieser filigranen Objekte, die Schönheit und Reinheit der weißen Farbe, das Schwebende, Transparente des weißen Papiers, das Spiel mit dem Licht.

Durchsichtigkeit und Leichtigkeit des Papiers inspirieren die Künstlerin zu ihren Arbeiten, seien das die aus übereinander gelegten Streifen von der Decke herabhängenden „Kokons“, die einen Schattenwurf an der Wand geben, seien das die Romben aus Papier und Wabenpappe, die das Licht einfangen, oder die Objekte mit kurzen und langen Noppen und farbigen Einlagen, an sich liebliche, zarte Objekte, die aber durch bestimmte Ausformungen Assoziationen zu Kriegswerkszeug wie Bomben oder Granaten nicht verhindern können.

Mahnung zum Frieden

Auch auf einigen Prägedrucken entdeckt man bei genauer Hinsicht Waffen, einen stilisierten Panzer etwa, ein Maschinengewehr hinter einem Gartenzaun, oder Kinderwagen und Pistolen als Hinweis auf Kindersoldaten. Ein anderer Druck zeigt das Wort „Frieden“ in Blindenschrift (man wüsste es nicht, wenn es nicht auf der Bilderliste so stünde). Die Blindheit für den Frieden hat die Künstlerin hier zu dieser Mahnung umgetrieben.

Die politischen Zeitströmungen, die Naturkatastrophen, das Flüchtlingsproblem: Diese Dinge spielen mehr in die Arbeiten hinein, als man sich das auf den ersten Blick denkt. Das beginnt schon im Treppenaufgang, bevor man die Ausstellung überhaupt betritt, mit der riesigen Wandinstallation aus miteinander verbundenen und vernetzten Clustern. Mit dieser Anspielungen auf die digitale „Cloud“ hinterfragt Bludau-Hary kritisch das Undurchschaubare der Daten in der „Wolke“.

Die Form der Cloud greift sie wieder auf in den Drahtzeichnungen „Memo“; über Umwelt, Nachhaltigkeit, Konsumverhalten und Wegwerfgesellschaft denkt Bludau in Erinnerungsbildern und Märchenmotiven nach. Aber andererseits sind ihre Arbeiten wirklich schön im ästhetischen Sinne, auch spielerisch, und das ruhige Weiß ein Gegenpol zu unserer schreiend bunten Welt.

Überlegt ist die Gestaltung: Jeder Ausstellungsraum hat ein etwas anderes Thema und lässt viel Raum für eigene Gedanken. Weil sich die Kunstwerke nicht direkt erschließen, war bei der Eröffnung das gemeinsame Gespräch von Katrin Nuiro und der Künstlerin für die Besucher sicher hilfreich.  Bis 22. April, Sa, So 12-17 Uhr

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