Rheinfelden - Mit Bach durchs Kirchenjahr: Eine traditionelle Eröffnung des Rheinfelder Silvesterkonzerts in der Josefskirche ist der Bach-Choral „Das alte Jahr vergangen ist“, mit dem Irmtraud Tarr an der Orgel zusammen mit dem Zürcher Blechbläserensemble „Quintetto Inflagranti“ das alte Jahr verabschiedete.

Die letzten acht Jahre hat die Organistin als Programmgestalterin bei diesem Jahresausklang gewirkt. Und wenn das Rezept stimmt, steht dem (musikalischen) Genuss nichts im Wege. Die Zutaten waren: eine versierte Organistin, ein exzellentes Brass-Ensemble sowie eine Auswahl auf diese Besetzung hin maßgeschneiderter Stücke.

Das geht nicht ohne Arrangements teils barocker, klassischer bis moderner Stücke. Aber was solche Meisterbläser sind – sie führen vor, dass von Bach bis Bernstein alles möglich ist. Ein Mitglied, der Trompeter Basil Hubatka, hat die meisten Arrangements beigesteuert für die charakteristische Besetzung. Die beiden Trompeter Hubatka und Bernhard Diehl, Hornist Heiner Wanner, Posaunist Niki Wüthrich und Tubist Karl Schimke lassen sich dabei bravourös vom Temperament der Stücke und ihrer Mitspielerin an der Orgel leiten.

Das schafft ein gesteigertes Hörvergnügen. Denn diese exzellenten „Schwermetaller“ haben sowohl für Leichtes als auch Schwieriges ein richtiges Händchen, so nach dem Motto: Händel goes Heavy Metal.

Ein Höhepunkt wird schon in der Programmmitte erreicht, mit dem bombastischen Bläserchor zu Tarrs auftrumpfendem Orgelsound in der Toccata aus der Suite Gothique von Leon Boellmann – fast eine Orgelsinfonie. Dazwischen Unterhaltendes wie Rossinis Ouvertüre zu „Wilhelm Tell“ mit Trompetensignalen von Edward H. Tarr auf der Empore, oder Angejazztes von Leonard Bernstein wie das hymnenartige Finale „Make Our Garden Grow“ aus der komischen Oper „Candide“. Das war für Irmtraud Tarr und die fulminante Bläserequipe ganz großes Entertainment.

Die Musiker verlassen gern mal das klassische Terrain und geben sich in einem meisterhaft swingenden Arrangement mit Haut und Haaren virtuosen Bläsereskapaden im „Ragtime Dance“ von Scott Joplin hin. Unverwüstliche Klassiker wie Carl Maria von Webers „Aufforderung zum Tanz“ mischten das Programm mit einigem Unterhaltungswert auf, während der triumphale Abschluss mit dem Radetzky-Marsch von Johann Strauß Vater – zum Mitklatschen – schon ein Ausblick Richtung Neujahrskonzert war.

Das alles perfekt geblasen als fulminante Bläserkammermusik von diesen glänzend disponierten „Inflagranti“. Schnittige Brass-Leute, die bläserische Gestaltungskunst einbringen, manchmal sogar richtige Artistik von Bläserattacken mit flotten Staccatozungen – ein virtuoses Blechvergnügen.

Zum anderen faszinierte die zupackende Musikalität von Irmtraud Tarr. Mitunter grenzt es schon an Hexerei, was die Eichsler Orgelvirtuosin aus dem Instrument zaubert, etwa den furiosen Säbeltanz oder den sinfonisch ausladenden Kopfsatz aus der fünften Sinfonie von Charles-Marie Widor (mal nicht die schon etwas abspielte Toccata!).

Tarr ist ja bekannt für ihre pointierten und temperamentvollen Auffassungen und zusammen mit ihren Gästen versprühte sie pure Vitalität und ehrlichen Enthusiasmus, was die Stimmung der Zuhörer beflügelte.

Ein originelles Konzert bis hin zu den Zugaben: Filmmusik von John Williams, „Cantina Band“ aus „Star Wars“, im opulenten Supersound der Blechbläser im Kirchenraum, zu dem Irmtraud Tarr sogar ausgelassen tanzte.

Schnell eilt sie dann wieder zur Orgel, um mit „Jingle Bells“ das Silvesterkonzert zu beenden, während das Publikum noch auf eine gemeinsame Zugabe wartet. Aber da packen die Bläser schon ihre Instrumentenkoffer, sie müssen ins Fraumünster nach Zürich zu einem weiteren Konzert: Stressiger Jahreswechsel für Musiker!