Rheinfelden Wagners Weiber

Die Oberbadische
Foto: Willi Vogl Foto: Die Oberbadische

Von Willi Vogl

Rheinfelden. Wotans Speer in der Hand einer afrikanischen Stammeskriegerin, gekleidet in einem ein Zebrafell imitierenden Überrock, gekrönt mit einem eigenwilligen Haarschopf. „Ich habe heute Abend auch den Dienst als Programmheft übernommen“, teilt Pianistin und Moderatorin Ansi Verwey von Fleckenstein mit rosa Brille in nuscheliger Burschikosität mit einem niederländisch anmutenden Akzent den Jüngern Richard Wagners im Rheinfelder Bürgersaal mit.

Barfüßig setzte sie sich an den Flügel und rollte für die Hexe, Verführerin und Dienerin Kundry, alias Daniela Bianca Gierok, den pianistischen Teppich aus. Unter dem Motto „Wahnsinn! Wagner!“ boten von Fleckenstein und Gierok einen vergnüglichen Abend mit Wagnerschen Werke und deren Frauengestalten.

Mit der raumgreifenden Melodik über den tremolierenden Klangwallungen in Kundrys Arie machten die beiden Protagonisten gleich zu Beginn deutlich, dass an diesem Abend Illusionen auf mehreren Ebenen zu erleben waren. Über weite Strecken sind die Orchesterpartituren Wagners auf dem Klavier nur unzulänglich darstellbar. Die routinierte Theaterkorrepetitorin von Fleckenstein vermittelte gekonnt den Eindruck intensiver Farbstimmungen.

Wie auf einem grünen Hügel

Unterstützt durch Leinwandprojektionen genügte einem opernerfahrenen Publikum der pianistische Knopfdruck, um die verschiedenen Arien in der Erinnerung an die große Bühne gleichsam im Originalklang erleben zu können. In Verbindung mit der ausladend theatralischen Tongebung Gieroks hier oder auch in den Arien der Erda aus dem Siegfried und der Freia aus Rheingold durfte sich das Publikum gar auf einem grünen Hügel fühlen.

Kontraste zwischen Wagners heiliger germanischer Opernmission und seinem sächsischen Sprachwitz bestimmten Programm und Präsentation. So animierte von Fleckenstein mit einem selbstironischen Gedicht, das Wagner zu seinem 42. Geburtstag schrieb, das Publikum zu eigener Rezitation: „Im wunderschönen Monat Mai / kroch Richard Wagner aus dem Ei; / ihm wünschen, die zumeist ihn lieben, / er wäre besser drin geblieben.“

Neben dramatischen Schwergewichten aus dem Nibelungenring gab es auch lyrischere Tonfälle, etwa mit den fünf Liedern, die Wagner 1857 und 1858 für Mathilde Wesendonck komponierte. Mit kammermusikalisch zurückgenommenen Farben verging Gierok in „Der Engel“ in süßlich intonierten Tränenfluten, verwies „Im Treibhaus“ auf eine jenseitige Heimat oder sank in „Träume“ mit Blütentönen in eine Gruft.

Als pianistische Intermezzi kamen selten aufgeführte Albumblätter zu Gehör. Diese versandte der notorisch finanziell klamme Komponist seinen zahlreichen Gläubigern in einer Mischung aus Naivität und Größenwahn als Anzahlung.

Schließlich kamen mit der Liebestod-Arie aus der Oper Tristan und Isolde bei Sätzen wie „Ertrinken – Versinken – Unbewusst – höchste Lust“ Klangchiffren für jenseitige Sehnsucht zum Zug, bei der sich das Publikum wohl am stärksten zur Parteinahme für oder gegen Wagner veranlasst sieht. Kaum glaubt man mit einem tonalen Zentrum festen Boden unter den Füßen zu spüren, versinkt man bereits wieder im harmonischen Treibsand des Wagnerschen Klangmysteriums. Die Grabenkämpfe hierzu sind Geschichte. Von Fleckensteins und Gieroks lebendig klingende Geschichtsstunde überzeugte durch profundes handwerkliches Können, leidenschaftlich gesetzten Kontrasten und eine Prise Klamauk.

Umfrage

Sorgen von Mietern in der Energiekrise

Es wird kälter und es wird wieder mehr geheizt. Sei es aus ökologischen, ökonomischen oder geopolitischen Gründen: Sind Sie bereit, die Heizung in diesem Winter ein wenig runterzudrehen, um Gas zu sparen?

Ergebnis anzeigen
loading