Ringen „Mir stinkt es gewaltig“

Mirko Bähr
Aufgewühlt, enttäuscht und sauer: Florian Philipp, Coach des TuS Adelhausen. Foto: Archiv

Rheinfelden-Adelhausen - Der TuS Adelhausen musste wieder im Halbfinale um die Deutsche Mannschaftsmeisterschaft die Segel streichen. Coach Florian Philipp ist noch immer geschockt und sauer zugleich. Die Art und Weise des Ausscheidens ist für ihn nicht zu akzeptieren. Er wählt deutliche Worte gegenüber dem Deutschen Ringer-Bund und weiß nun nicht, wie und ob es überhaupt weitergeht.

Die gleichwohl tragische wie seltsame Geschichte ist bekannt: Der Hinkampf endete trotz Verstößen gegen geltende Richtlinien nicht mit 0:40 aus Sicht von Wacker Burghausen, sondern mit 13:13. Nun im Rückkampf behielten die Bayern mit 17:11 die Oberhand. Aber auch diesmal ging es aus Sicht von Philipp nicht mit rechten Dingen zu. Unser Regionalsportredakteur Mirko Bähr hat sich mit etwas zeitlichem Abstand mit ihm unterhalten.

Herr Philipp, wie ist Ihre Gefühlslage nach diesem Halbfinal-Drama?

Sie könnte besser sein...

Der TuS ist draußen, hat den Finaleinzug verpasst. Die turbulenten Tage haben bei Ihnen doch sicherlich Spuren hinterlassen, oder?

Ich bin maßlos enttäuscht. In erster Linie von unserem Dachverband. Die sportliche Leistung kann ich deshalb gar nicht werten. Es haben schlicht und einfach keine regulären Bedingungen geherrscht – weder im Hin- noch im Rückkampf. Und das war ein Halbfinale um die Deutsche Mannschaftsmeisterschaft!

Was ist denn in Burghausen passiert?

Uns wurde trotz gültiger Eintrittskarten verweigert, in Verkleidung die Halle zu betreten. Wir wollten aus taktischen Gründen unsere Gesichter verdecken. Teilweise wurde dabei auch körperliche Gewalt angewendet. Unser Sportlicher Leiter Alen Kovacevic und ich waren jedoch nicht verkleidet, hatten den offiziellen Trainingsanzug an und alle Eintrittskarten am Eingang mit dabei. Die Wiege-Voraussetzungen waren beide Male somit nicht gegeben.

Wurde vom Verein nach den Ereignissen in der Dinkelberghalle ein Nichtantreten in Erwägung gezogen?

Eigentlich wollten wir nach dem Verwaltungsentscheid gar nicht nach Burghausen fahren. Wir haben es nur wegen der Zuschauer gemacht und wegen der drakonischen Strafen, die auf den Verein zugekommen wären.

Wie gehen Sie mit diesen Vorfällen um? Lassen Sie das jetzt alles auf sich beruhen?

Der TuS Adelhausen jedenfalls wird das Urteil des „Gesamten Bundesrechtsausschusses“ wohl nicht akzeptieren, sondern geht nach aktuellem Stand in die nächste Instanz. Der Verein ist mit dem jetzigen Beschluss natürlich nie und nimmer einverstanden. Ich persönlich werde in den nächsten Tagen für mich eine Entscheidung fällen. Es müssen Gespräche geführt werden. Und je nachdem, was da dann herauskommt, werde ich entscheiden, ob ich weitermache oder nicht. Die Frage ist dabei auch, ob wir uns das vom Verband alles gefallen lassen oder nicht. Wenn ich mein Amt niederlegen sollte, werde ich auspacken, was da im Hinkampf im Wiegeraum alles abgelaufen ist. Jedes Detail. Das nehme ich auf meine eigene Kappe.

Der Stein des Anstoßes ist aber zunächst einmal nicht die verspätete Ankunft, oder?

Wenn ich Bundesliga ringe, dann reise ich einen Tag vorher an. Punkt. Dazu kommt, dass die Gäste-Ringer einzeln und zu verschiedenen Zeiten in die Halle kamen. Wir dagegen durften unser Gesicht nicht verdecken und mussten uns offen zeigen. Da lagen Wacker-Verantwortliche am Boden und haben sich Notizen gemacht. Aber zurück zur Frage. Wenn bei der Hinfahrt alles mit rechten Dingen zugegangen wäre, wären wir auch damit einverstanden gewesen, das Wiegen nach hinten zu verschieben. Aber wir wussten, dass bei der Abfahrt des Busses in Burghausen nur zwei Ringer drin saßen, dass da noch Leute vom Flughafen abgeholt werden mussten und dass zwei Ringer Übergewicht hatten. Und der Hammer ist, der eine oder andere Burghausener hat sogar in Lörrach noch eine Pizza verspeist. Wir wurden neben der Matte betrogen, und zwar von vorne bis hinten.

Gibt es denn Beweise? Können Sie darlegen, dass es nicht fair abgelaufen ist?

Ja, das kann ich.

Trotzdem haben Sie versucht, die Ruhe zu bewahren?

Unsere Leute hockten oben im Ringerraum, wussten nicht, wie es weitergeht. Die Vorbereitung auf solch einen entscheidenden Playoff-Kampf war erheblich gestört. Der Mattenleiter Antonio Silvestri hat uns immer signalisiert, dass wir den Kampf auf jeden Fall 40:0 gewinnen werden und uns daher ruhig verhalten sollten. Das war sein O-Ton. Silvestri ist einer der besten Schiris auf der Welt, dem haben die Burghausener den Rücken zugekehrt, als dieser sie zur Waage gebeten hat und haben sich in der Kabine eingeschlossen. Burghausen durfte einfach alles bestimmen. Das kann doch nicht sein. Es gibt Richtlinien.

Laut Beschluss des „Gesamten Bundesrechtsausschusses“ war ja eine „Verspätung durch den SV Wacker Burghausen nicht gegeben“, da der Mannschaftskampf nach mündlichem Verwaltungsentscheid des Vizepräsidenten Bundesliga, Ralf Diener, am Kampftag selbst auf 20.30 Uhr und die offizielle Waage auf 19.45 Uhr verlegt worden war.

Auf 26 Seiten wird nun das Urteil begründet. Doch da entspricht vieles nicht den Tatsachen. Es heißt beispielsweise, wir hätten der zeitlichen Verlegung zugestimmt. Das ist gar nicht wahr. Da wurden Handys in der Kabine herumgereicht, am anderen Ende war unter anderem DRB-Präsident Manfred Werner. Burghausens Abteilungsleiter Jürgen Löblein soll ein guter Freud des DRB-Präsidenten sein. Ein Schelm also, wer Böses dabei denkt. Es ist einfach unglaublich. Es ist so, als ob ein Fußballspiel, bei dem es in der 90 Minute 1:0 für Mannschaft A steht, so lange weitergeführt wird, bis Mannschaft B zwei Tore geschossen hat. Ob ich nach solch einer Aktion noch diesen Sport in dieser Form und unter der Obhut dieses Verbandes betreiben möchte, weiß ich nicht. Da investiert man zu viel für. Da stimmt das Verhältnis nicht mehr.

Rein sportlich gesehen geht die Niederlage aber in Ordnung?

Da waren so viele Faktoren , so viele Nebeneinflüsse, die auch psychisch eine Rolle spielten. Es lief alles nur gegen uns. Es grenzt ja fast schon an Genialität, was da abgezogen wurde. Mir stinkt es nun gewaltig, wenn ich lesen muss, dass es der TuS Adelhausen wieder nicht geschafft hat. Wenn irgendeiner hautnah mitbekommen hätte, was uns da auch die gesamte Woche widerfahren ist... Das ist eine Farce.

Den eigenen Ringern können Sie nichts vorwerfen?

Wenn die Ergebnisse des Halbfinales unter normalen Bedingungen stattgefunden hätten, würde ich sagen, es war zu wenig. Aber das alles war nicht fair, nicht sportlich. Ich kann es in diesem Fall einfach nicht werten.

Wie geht es im Verein nun weiter?

Wir stehen am Scheitelpunkt und wissen nicht, wie es weitergeht. Bleibt alles beim alten? Gibt es den Rückzug in die Oberliga? Gibt es einen Umbruch im Verein? Oder ein Wechsel in die DRL? Wir wissen es nicht. Momentan ist Funkstille. Der Stachel der Enttäuschung sitzt tief. Untereinander ist alles in Ordnung, aber die Wunden sind groß. Alles trauert und alles ist nun möglich. Man muss schon sehen, man baut doch auch kein Haus auf einen kaputten Keller. Es wurde wohlwissend gegen Regularien verstoßen.

Die DRL war schon einmal beim TuS ein Thema.

Solch ein Schritt ist nicht so einfach. Schließlich muss man ja das gesamte Vereinswohl im Auge behalten.

Sie sind noch immer wütend?

Natürlich. Ich bin noch immer aufgewühlt. Sportlich als Verlierer von der Matte zu gehen, ist das eine. Dann reflektiere ich mich selbst, bin enttäuscht, aber dann ist es eben so. Aber ich bin mega-enttäuscht, sie haben uns schlicht verarscht, das muss man so deutlich sagen.

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