Schallbach (bn). Sage niemand mehr, in der Kulturprovinz mangele es an Mut zum Experiment. Ganz im Gegenteil wurde jetzt übers „Zeeche­fescht“-Wochenende (und am heutigen Montag) im Schallbacher Rathaus eine Ausstellung gezeigt, die dem betrachtenden Publikum manches Rätsel aufgibt, es mitunter ratlos zurücklässt, aber auf jeden Fall zu längerem Hinschauen nötigt. Ausgerichtet wurde sie von den beiden Basler Kunstschaffenden Patrik Alvarez und Misha Andris und kuratiert von Bürgermeister-Gattin Anita Gräßlin, die schon letztes Jahr beim traditionellen kulturellen Begleitprogramm der Festtage neue Akzente setzte. Hinter den vielfältigen Ausdrucksformen kreativer Ambitionen, die das Rathaus für drei Tage in ein Kunsthaus à la „Bonsai-Documenta“ umfunktionierten, stecken übrigens keine kommerziellen Absichten. Denn die von Alvarez im Untergeschoss platzierte und aus einer Wiese beim Friedhof ausgehobene mit reichlich Löwenzahn, Wegerich, Seggen und spärlich gelb leuchtenden Löwenmäulchen bewachsene quadratische Grasfläche im Raum links neben dem Rathauseingang ist kaum vorstellbar als Zierde in der guten Stube des „normalen“ Kunstfreunds. Ebenso wenig seine Installation auf dem Boden des Sitzungsraums im Obergeschoss: eine aus alten Schallbacher Rechnungsbüchern arrangierte geschweifte Ellipse, die ebenso alte Katasterkarten umschließt. Oder die im Treppenhaus applizierte visuelle Leitlinie aus aneinandergereihten Kärtchen eines Baumarkt-Farbmusterbuchs. Allenfalls marktfähig wären da nur noch die drei kleinen Wandbilder mit minimalistischer Farbgebung à la Mark Rothko. Auch die hauchzart skizzierten Porträt-Miniaturen von Mischa Andris im Obergeschoss sind alles andere als dekorative Blickfänge. Aber allemal lohnend ist die eingehende Betrachtung dieser vorwiegend weiblichen Gesichter, in denen Schicksal und Lebenserfahrung deutliche Spuren hinterließen. Im Kontrast dazu präsentiert Andris zwei großformatige Ölgemälde mit nicht präzise definierbaren Menschen- und Tiergestalten von allegorischer Rätselhaftigkeit. Im abgedunkelten Raumteil des Untergeschosses wartet ein erstaunliches Video-Produkt, das mit einiger optischer und akustischer Drastik zeigt, wie von (gar nicht zarter) Frauenhand einer toten Eule (Fundstück während einer Velotour der Künstlerin durch die Türkei) mit einem Fahrtenmesser ein Flügel abgetrennt wird. Besichtigt werden kann die eigenwillige Werkschau noch heute, Montag, von 18 bis 22 Uhr.