Schallbach „Szenen der Rücksichtslosigkeit“

Auf den Tag genau 75 Jahre ist es her, dass die deutsche Wehrmacht bedingungslos kapitulierte und damit der Zweite Weltkrieg zu Ende ging. Auch in der Region hat der Krieg Spuren hinterlassen – nicht zuletzt in der Erinnerung der Zeitzeugen. Einer davon ist der 83-jährige Rolf Rhein, der in Schallbach lebt und die Endphase des Kriegs in verschiedenen Städten miterlebte.

Von Adrian Steineck

Schallbach. Als der Zweite Weltkrieg am 1. September 1939 mit dem deutschen Angriff auf Polen ausbrach, war Rolf Rhein gerade zwei Jahre alt. Als der Krieg endete, hatte er bereits das achte Lebensjahr vollendet. Was er in dieser Zeit erlebte, könnte ein ganzes Buch füllen, wie er im Gespräch mit unserer Zeitung sagt.

Dreimal musste er flüchten

Einige der eindrücklichsten Geschehnisse wollen wir nachfolgend skizzieren. In der ersten Zeit bekam Rhein altersbedingt nur wenig mit. Immerhin habe er schon begriffen, dass der Vater in Russland bei der „feldgrauen Eisenbahn“ diente. Wirklich bewusst, dass es kein normales Leben mehr gab, wurde ihm erst, als im Jahr 1940 der Reigen der Evakuierung in Südbaden einsetzte. Insgesamt dreimal musste er zusammen mit seiner Mutter flüchten. Die Flüchtlinge mussten es sich gefallen lassen, als „Westwallzigeuner“ bezeichnet zu werden, wie er sich erinnert.

Bombardierung Frankfurts

Die Flucht fand nach einem Zwischenaufenthalt am Bodensee bei der Großmutter mütterlicherseits im Hessischen Neustadt im Odenwald unweit von Frankfurt am Main ein vorläufiges Ende. Die Mutter hatte noch elf Geschwister, davon waren sechs Rolf Rheins Tanten.

Das erste Mal, dass Rhein mitbekam, was Krieg bedeutet, war im Jahr 1942 beim Besuch einer Tante, die mit ihrer Familie in Frankfurt am Main lebte. Als sich die ganze Familie an einem Samstag im Schrebergarten ein paar Kilometer außerhalb der Stadt aufhielt, gab es in der Abenddämmerung Fliegeralarm. Danach bombardierte die Royal Air Force Frankfurt etwa zum fünften Mal. Vom Schrebergarten aus konnte man das Geschehen laut Rhein „wie in einem Film“ beobachten. Es sei ein „schaurig schöner“ Anblick gewesen, der sich aus einer Kakofonie von explodierenden Bomben und der Leuchtmunition der Fliegerabwehr ergab.

Weiter nach Offenbach

Als die Familie nach dem Ende der Bombardierung in die Stadt zurückkehrte, stand sie vor den Trümmern ihres Hauses. Als Notlösung zog man in die benachbarte Stadt Offenbach am Main zu einer dort lebenden weiteren Tante von Rolf Rhein. Kaum angekommen, gab es auch da Fliegeralarm und alle Hausbewohner begaben sich in den Keller. Angst und Schrecken bei den Leuten waren deutlich zu erkennen. Als man nach dem Bombardement den Keller verließ, sei das einzige Haus in der Straße, das noch stand, genau jenes gewesen, in dessen Keller Rolf Rhein den Angriff überlebte. Alle mussten dann helfen, um die Straße von den Trümmern zu befreien. Als man die anschließende Mainbrücke erreichte, erwartete den Achtjährigen ein grauenhafter Anblick. Zahlreiche „Bündel“ trieben brennend auf dem Main – es waren sogenannte Phosphorleichen, also Menschen, die bei dem Angriff durch Phosphorbomben in Brand gerieten und ins vermeintlich rettende Wasser sprangen, nicht wissend, dass Phosphor im Wasser weiter brennt, wie Rhein sich erinnert. „Ein schrecklicher Tod – verbrennen und ertrinken in einem“, sagt er.

Wieder zuhause

„Wieder zuhause im Markgräflerland, kam bis 1944 eine relativ ruhige Zeit für unsere Gegend“, erinnert sich der 83-Jährige. Diese endete, als das Kraftwerk Kleinkems bombardiert wurde. Alle Leute standen auf der Straße und beobachteten das Geschehen. Der junge Rolf Rhein hatte gerade die Masern. Seine Mutter wickelte ihn in eine Decke und nahm ihn mit hinaus, und so kam es, dass er die Luftkämpfe zwischen deutschen Jagdfliegern und den angreifenden Bombern deutlich beobachten konnte.

Lörracher Bahnhof

Einige Tage später hatte Rolfs Mutter etwas in Lörrach zu erledigen, und er durfte sie begleiten. Als die beiden im Bahnhofsrestaurant auf den Zug nach Hause warteten, gab es Fliegeralarm – der Lörracher Bahnhof wurde bombardiert. Im voll besetzten Restaurant brach sofort Panik aus und alles stürmte zum Ausgang. Dabei haben sich laut Rhein „schreckliche Szenen menschlicher Rücksichtslosigkeit“ abgespielt. So wurde ein Soldat, der nur noch ein Bein hatte und an Krücken lief, einfach umgeworfen und von der Menge förmlich in den Boden getrampelt.

Seine Mutter war eine besonnene und mutige Frau, sagt Rolf Rhein. Sie schnappte ihn sich und rannte mit ihm durch die Restaurantküche zum Hinterausgang hinaus, quer über den Bahnhofsplatz zum Hebelkeller, der damals als öffentlicher Luftschutzkeller diente. Schon auf der Treppe, pfiffen Bombensplitter umher und Rolf Rhein wurde am rechten Bein leicht getroffen. „Die Narbe ist längst verblasst – die Erinnerung niemals“, sagt Rhein leise, als er an die Erlebnisse zurückdenkt.

Friedlingen wird evakuiert

Eine Episode, bei der er sich „vor Angst beinahe in die Hose machte“, gab es dann noch in den letzten Kriegstagen. Kurz vor Kriegsende musste Friedlingen evakuiert werden, weil die Franzosen bereits über den Rhein herüber schossen. Eine weitere Tante, die in Friedlingen lebte, war zu Rolfs Familie geflüchtet und wollte noch einige lebensnotwendige Dinge retten. Kurz entschlossen begaben sich Rolf Rheins Mutter, seine Tante und er mit einem „Leiterwägele“, das eisenbeschlagene Räder hatte, über Haltingen nach Friedlingen und luden die Sachen auf. Bei Dunkelheit wollten sie über die Eisenbahnbrücke – die heutige Friedensbrücke – zurück. Der Straßenbelag der alten Brücke bestand damals aber aus Pflastersteinen, und die Eisenräder des „Wägeles“ ratterten in der stillen Nacht laut wie ein Maschinengewehr. Prompt eröffneten die Franzosen auf der anderen Rheinseite das Feuer und das „Pling“ der Einschläge in die Träger der Brücke war deutlich zu vernehmen. Zum Glück wurde niemand getroffen, erinnert sich Rhein, und so fand dieses „Abenteuer“ ein glimpfliches Ende.

Das Kriegsende erlebte Rolf Rhein, der heute in Schallbach lebt und unter anderem als Autor für unsere Zeitung tätig ist, zuhause. Was ihm da passierte, ist im heutigen „Rääbe-Migger“-Beitrag nachzulesen.

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