Schliengen Erfolgsautor liest auf Schloss Bürgeln

Dorothee Philipp
Bestsellerautor Bernhard Schlink bei seiner Lesung auf Schloss Bürgeln Foto: Dorothee Philipp

Dass Bestsellerautor Bernhard Schlink auf der Lesereise mit seinem neuesten Roman neben Köln, Weimar und Dresden auch auf Schloss Bürgeln Station machte, ist das Ergebnis einer langen Vorgeschichte. Der helle Sommerabend im blühenden Schlosspark setzte dem außergewöhnlichen Treffen noch ein Sahnehäubchen auf.

Von Dorothee Philipp

Schliengen-Obereggenen. 150 literarisch Interessierte hatten eine Karte ergattern können, viele hatten bereits ihr Exemplar von „Die Enkelin“ mitgebracht, am gut sortierten Büchertisch von Beidek konnte man sich mit weiteren Titeln aus Schlinks umfangreichem Opus bedienen.

Einladung von 2014

Als Schlink vor zehn Jahren „Sommerlügen“ erzählte und in einem Interview dazu Bürgeln als den „schönsten Platz“ bezeichnete, weckte das das Interesse des Bürgelnbunds, wie Schlossführer Wolfram Hartig in seiner launigen Begrüßung berichtete. Schlink hatte den Ort im Wald auf halber Höhe des Blauens im Rahmen von Schwarzwaldwanderungen kennengelernt, die er zur Rekonvaleszenz nach langer Krankheit in den späten 1970er-Jahren unternommen hatte. Der Bürgelnbund fragte 2014 an, ob Schlink einmal im Schloss lesen wolle, Honorar könne man aber keins bezahlen. Man hörte lange nichts. Beim Aufräumen seines Schreibtischs habe Schlink Ende 2021 die alte E-Mail gefunden und dann gleich zwei Termine angeboten, berichtete Hartig. Der Honorarverzicht des berühmten Schriftstellers und Rechtsprofessors komme nun dem Schloss zu Gute, in dessen Erhalt das Eintrittsgeld des Abends fließen soll. Doch, ja, Bürgeln sei ein verzauberter Ort, bestätigte Schlink. Ein kleines Appartement auf Zeit für Schriftsteller hier im Schloss, das wäre doch eine schöne Idee, fand er.

Das neue Werk: Die Enkelin

Mit geschickt ausgewählten Schlüsselszenen machte er dann das Publikum mit seinem neuen Werk bekannt. Wie die Liebe zwischen Kaspar und Birgit 1964 beim Pfingsttreffen der FDJ beginnt, wie Kaspar ihr anbietet, in die DDR zu ziehen und sie das ablehnt, weil sie selbst in den Westen möchte. „Das Bisschen Land zwischen Erzgebirge und Ostsee“ ist ihr zu wenig. Kunstvoll verschachtelt Schlink die Zeitebenen, lässt in dieser Passage Birgit in der Ich-Form erzählen, obwohl man weiß, dass sie bereits an Krebs gestorben ist, nachdem sie an Kaspars Seite eine Ehe im Westen geführt hat. Denn erst danach hat er ein Manuskript von ihr gefunden und erfährt beim Lesen: Birgit hat eine Tochter in der DDR als Neugeborenes beim Vater, einem hohen Parteifunktionär, zurückgelassen. Sie war also schon schwanger, als sie Kaspar begegnete. „Ich wusste nicht, was Verschweigen ausrichtet“, lässt Schlink sie posthum seufzen.

„Vorleser“ größter Erfolg

Der Mann, der da unterm alten Ahorn im eleganten grauen Sommeranzug in lässiger Haltung stehend die Geschichte vorantreibt, ist nicht nur ein versierter Autor, sondern auch ein guter Vorleser, ganz wie die Hauptfigur seines bisher erfolgreichsten Romans, mit dem ihm 1995 der Sprung auf die internationalen Bestsellerlisten gelang. Der ruhige Fluss der Sätze, seine besonnene, in unzähligen Vorlesungen in großen Hörsälen geschulte Diktion, kontrastieren mit den hochdramatischen Seelenvorgängen der Protagonisten, heben diese quasi auf eine Ebene allgemein menschlicher Erfahrungen im Sinn der griechischen Tragödien.

Auf der Suche

Kaspar trifft auf seiner Suche nach der Stieftochter in den neuen Bundesländern auf die Spuren der alten DDR und landet schließlich in einem Dorf, das „Völkische“ bewohnen. Die Beklemmung, die ihn dort befällt, ist fast mit Händen zu greifen: nicht blumige Adjektive, sondern die knappe Sachlichkeit eines Ermittlers machen diese Passage so eindrucksvoll. Die Dialoge der Figuren – inzwischen ist Birgits Tochter Svenja gefunden, zusammen mit Sigrun, Kaspars Stief-Enkelin – könnten aus einem klassischen Drama sein, so präzise charakterisieren sie die Handelnden.

Etwas holzschnittartig gerät Björn, der grobe, tätowierte „Völkische“, Svenjas Mann, der erst mit der Frage, ob sie was geerbt habe, Interesse am Thema zeigt. Das Rudolf-Heß-Plakat mit einschlägigen Zitaten in der Küche erzählt alles andere.

Ein Autor ohne Rituale

In der anschließenden Fragerunde erfährt das Publikum unter anderem, dass Schlink ein Autor „ohne Rituale“ ist, der schreibt, wenn er Zeit hat und sich nur gelegentlich Notizen macht. „Meine Geschichten kommen zu mir“, sagt er. Und als „pedantischer Jurist“ arbeite er immer nur an einer Sache, nicht an mehreren gleichzeitig.

  • Bewertung
    0

Umfrage

Altkanzler Gerhard Schröder

Was halten Sie davon, dass Alt-Kanzler Gerhard Schröder SPD-Mitglied bleiben darf?

Ergebnis anzeigen
loading