Schliengen Mitwirkende

Claudia Bötsch

Spannende Einblicke in die Lokalgeschichte ermöglicht das neue Ortsfamilienbuch für Schliengen und Mauchen. Das rund 1000 Seiten starke Werk wurde jüngst unter großem Besucherinteresse im Lesesaal des Bürger- und Gästehauses vorgestellt. Die Gemeinde Schliengen, der Arbeitskreis Ortsfamilienbuch Schliengen und Mauchen sowie der Herausgeber, der Geschichtsverein Markgräflerland, präsentierten das besondere Buch.

Dem Arbeitskreis Ortsfamilienbuch Schliengen und Mauchen gehören Ursel Tanner, Margareta Mayer, Fridolin Orth, Hans Georg Maier und Rainer Vomstein sowie die Schliengener Archivarin Petra Maier an.

Am Projekt mitgewirkt haben außerdem Klaus Schubring, Jonas Büchin und Klaus Strütt, die weitere Beitrage beisteuerten.

Von Claudia Bötsch

Schliengen. Das Ortsfamilienbuch (OFB) ist ein Produkt langjähriger, intensiver Arbeit. Bereits vor gut 40 Jahren hatte der inzwischen verstorbene Martin Keller damit begonnen, Daten zu sammeln. Ab 2009 führte dann die Arbeitsgruppe das Projekt weiter (wir berichteten).

Produkt langjähriger Arbeit

„In diesem Buch steckt eine unermessliche Zahl von Stunden“, machte Hubert Bernnat, Vorsitzender des Geschichtsvereins Markgräflerland, bei der Vorstellung deutlich. Das Ortsfamilienbuch soll nun auch digital erfasst und beim Kreisarchiv Lörrach hinterlegt werden, kündigte Bernnat an.

Bürgermeister Christian Renkert bedankte sich bei allen Beteiligten für deren Mitwirken und enormes Engagement. „Nur durch ihren Einsatz konnte ein Werk in dieser großen Infodichte und -fülle erscheinen.“ Der Bürgermeister bedauerte in diesem Zusammenhang sehr, dass Irmgard Büchin-Wilhelm, treibende Kraft und Leiterin des Arbeitskreises ab 2014, die Buchpräsentation nicht mehr erleben konnte. Sie war im Sommer 2021 überraschend gestorben.

Tausende Namen und Daten

Das Kernstück des OFB bilden die mehr als 16 000 Daten der Personen und Familien von Schliengen und Mauchen. Die Zeitspanne reicht von 1649 bis 1910/1940, dazu kommen Zufallsfunde bis in die 1990er Jahre. Der Arbeitskreis hat akribisch aus den Kirchenbucheinträgen die Zusammenhänge der Familien geknüpft, wo dies möglich war. So können die Schliengener und Mauchener die eigene Familiengeschichte zurückverfolgen und ihren Vorfahren nachspüren.

Umrahmt wird dieser Hauptteil von umfangreichen sozialgeschichtlichen Informationen und Bildern beider Orte sowie einer kurzen Geschichte Schliengens und Mauchens. Das Buch gibt Einblick in das Leben früherer Generationen in Schliengen und Mauchen, vor allem auch in dunkle Kapitel dieser vergangenen Zeiten. Der Leser erfährt beispielsweise von Sterbewellen in den Jahren 1743, 1746 und 1814. Vermutlich wegen Hungers kamen von Januar bis März 1814 insgesamt 111 Menschen ums Leben. Zum Vergleich: Im Folgejahr wurden lediglich 39 Todesfälle verzeichnet, 1813 waren es 52 Todesfälle. Bei den ersten beiden Sterbewellen waren die Hälfte beziehungsweise drei Viertel der Verstorbenen Kinder und Jugendliche.

Kindersterblichkeit

Die Kindersterblichkeit war generell hoch, viele überlebten die ersten Lebensjahre nicht. Eine große Rolle spielten hierbei auch die soziokulturellen Umstände. Kinder starben damals an Krankheiten wie Gichter (verschiedene meist krampfhafte Krankheitserscheinungen bei Kindern, deren Ursachen sehr verschieden sein können) oder Lungenentzündung. Im Familienbuch findet sich beispielsweise ein Foto der kleinen Kamilla, die 1927 mit zwei Monaten an einer Lungenentzündung verstarb.

Es war in früheren Zeiten übrigens üblich, dass der Vorname eines verstorbenen Kindes einem Nachgeborenen wieder gegeben wurde. Die Bandbreite der Vornamen war in den frühen Jahren der Kirchenbuchaufzeichnungen ohnehin gering. Zudem vermuten die Autoren, dass es Brauch war, innerhalb eines Familienverbands bestimmte Vornamen zu „pflegen“.

Bei den Recherchen zum Ortsfamilienbuch wurde in den Sterbebüchern auch manch grausiges Unglück entdeckt, etwa der Fall eines Kindes, das in einer Mistlache ertrank. Verwiesen wird auch auf ein Kind, das die Eltern nach ihrer Rückkehr aus den Weinbergen tot in der Wiege vorfanden.

Ledige Mütter

Im Ortsfamilienbuch sind auch Besonderheiten zum Thema „Häufung lediger Mütter innerhalb einzelner Familien“ vermerkt. Erwähnt wird ein Sebastianus Sahner aus Mauchen, der 1809 in eine Nachbargemeinde eingeheiratet hat. Drei seiner Töchter brachten dann „im ledigen Stand“ insgesamt 19 Kinder zur Welt. Auffällig war auch die Biografie des Johann Baptist Kreiter, der wiederholt Vaterschaftsanerkennungen abgab und erst nach der Geburt seines zehnten Kindes geheiratet hat.

Es sei keine Seltenheit gewesen, dass eine Frau zwei und mehr Kinder ledig gebar, stellen die OFB-Autoren fest. Zu einer Häufung kam es bei Frauen, die selbst unehelich geboren wurden, was mutmaßlich ein Ehehindernis darstellte.

Die Kinder lediger Mütter wurden übrigens durch Vornamen stigmatisiert, wie die Verfasser des Ortsfamilienbuchs festhalten. Unter Stigmatisierung hatten auch geschiedene Leute zu leiden – für Schliengen/Mauchen wird eine Scheidung erstmals 1863 erwähnt.

Gewaltsame Tode

Dokumentiert sind auch Mord, Totschlag und Hinrichtungen. So wurde 1759 ein Melchior Ernst aus der Schweiz wegen Diebstahls in Schliengen enthauptet. 1848 starb die achtjährige Maria Elisabeth Güthlin in Folge einer Schusswunde, vermutlich während der Unruhen der Badischen Revolution.

Familienforschung

Das Ortsfamilienbuch enthält zudem drei Beispiele privater Familienforschung: Es widmet sich den Vorfahren der Mauchener Lämmlins, den Spuren der Vomsteins von 1289 bis 1676 und der Schliengener Müllerfamilie Wettlin. Darüber hinaus werden unter anderem zwei Auswanderergeschichten näher beleuchtet.

 Das Ortsfamilienbuch für Schliengen und Mauchen kostet 56 Euro. Das Buch kann im Buchhandel bestellt werden (ISBN 978-3- 906209- 06-7) oder per E-Mail (Hubert.Bernnat@t-online.de).

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