Schliengen Waldschützer und -bewahrer

Alexander Anlicker
„Wir sind keine Windkraftgegner sondern Waldschützer“, betonen Martin Vollmer und Anja Messerschmitt. Foto: zVg

Die Interessengemeinschaft Lebensraum Blauen hat 1100 Unterschriften für einen Bürgerentscheid gegen die Windkraftnutzung auf Flächen der Gemeinde Schliengen am Blauen gesammelt. Was die Interessengemeinschaft antreibt, erzählen deren Sprecher Anja Messerschmitt und Martin Vollmer im Gespräch mit unserer Zeitung.

Was die Interessengemeinschaft antreibt, erzählen deren Sprecher Anja Messerschmitt und Martin Vollmer im Gespräch mit unserer Zeitung.

„Wir zweifeln nicht die Windkraft als solches an, sondern sehen uns als Waldschützer und -bewahrer“, sagt Anja Messerschmitt. Sie und Vollmer erkennen durchaus die Klimaerhitzung an und sprechen sich für erneuerbare Energien aus. Beide haben jeweils Photovoltaik-Anlagen auf den Hausdächern und können sich auch mit Windrädern in der Rheinebene anfreunden.

Ein Informationsabend der Investoren, die Beratung im Ortschaftsrat Obereggenen und im Gemeinderat seien zu wenig gewesen um die Bürger zu informieren und „auch unsere Überlegungen die wir zur Windkraft haben, darzustellen“, ergänzt Vollmer.

„Wir waren der Meinung, dass es gut wäre, wenn die Bürger bei so einem komplexen Thema entscheiden“, sagen die beiden IG-Vertreter.

Kurz nach der Gemeinderatssitzung am 22. Juni, in der beschlossen wurde, gemeindeeigene Flächen für den Bau von drei Windrädern zur Verfügung zu stellen, habe sich die IG gegründet. „Ich bin von Bürgern aus Obereggenen angesprochen worden und bin dann zum Treffen mit insgesamt acht Leuten gekommen“, berichtet Vollmer der bei den Lippisbacher Höfen unter anderem Landwirtschaft betreibt und damit recht nahe an den künftigen Windrädern wohnen wird.

Vollmer geht es weniger um das Landschaftsbild, er zweifelt vielmehr am Nutzen der Windräder. Vollmer verweist auf die nach Ansicht der IG zu geringe Windhöffigkeit am Blauen. Die laut Bürgerwindrad Blauen geplanten Windräder mit einer Leistung von 6,2 Megawattstunden würden hochgerechnet auf die 8760 Stunden eines Jahres rund 53 Gigawattstunden Strom produzieren. Die künftigen Betreiber prognostizieren hingegen nur einen jährlichen Ertrag von zehn bis 14 Gigawattstunden. Das entspreche einer mittleren Auslastung von 22,1 Prozent. Nach Ansicht der IG würden sich Windräder nur durch Subventionen rechnen.

Den Nutzen mit dem Schaden vergleichen

„Wir sehen bei Windrädern im Wald den Nutzen im Vergleich zu den Schäden nicht gegeben“, sagt Messerschmitt. Die Biologin verweist auf das komplexe Ökosystem Wald. „Die Frage ist, ob der Preis den man zahlen muss nicht zu hoch ist“, erklärt sie mit Blick auf Flächenfraß, Bodenverdichtung sowie die Auswirkungen auf Tier und Pflanzenwelt. Für alle drei Windräder werden mindestens neun Hektar Wald geopfert, stellen Messerschmitt und Vollmer fest. Sie verweisen zudem auf die Waldwege die für den Transport zur Baustelle nicht nur auf 5,50 Meter verbreitert werden sondern auch auf eine Belastung von 80 Tonnen ausgelegt sein müssten. Das gehe einher mit Drainageleitungen, die dem Wald und seinen Bäumen zusätzlich Wasser entziehen würden.

Das System Wald ist komplex und fragil

Das Problem sei aber nicht der Flächenverbrauch sondern die immer weiter fortschreitende Fragmentierung und Zerstückelung des Walds. Messerschmitt verweist auf ein ZDF-Interview mit Professor Pierre Ibisch, der zu Waldökosystemen forscht.

Sie nennt unter anderem die Randeffekte. Durch die Standflächen und Zufahrtswege entstehen an Sommertagen hohe Temperaturen die zur Austrockung der angrenzenden Waldbereich führen. Jede noch so kleine „Wunde“ im Wald schade nach Meinung von Messerschmitt dem ohnehin durch den Klimawandel gestressten und fragile Wald. Der Wald sei systemrelevant für den Wasserhaushalt.

Erneuerbare Energien müssen kommen

„Wir sind absolut überzeugt davon, dass erneuerbare Energien kommen müssen“, sagt sie. Auch die Flächenversiegelung sei ein Fakt bei der Klimaveränderung, ergänzt Messerschmitt und schlägt vor, Photovoltaik-Anlagen nicht nur auf den bestehenden Dächern von Gebäuden sondern auch auf den Parkplätzen von Rewe, Penny und Aldi zu bauen. Darüber hinaus dürfe man nicht nur über Stromproduktion sprechen. „Das Thema Speicherung sollte jetzt im Vordergrund stehen“, sagt sie.

Die Rheinebene wäre gut für Windräder geeignet, unter den drehenden Rotoren könnte man auch weiter Landwirtschaft betreiben, antworten beide auf die Frage, wo Windräder sonst gebaut werden sollten.

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