Schönau Ära Löw neigt sich dem Ende zu

Bundestrainer Joachim Löw hat diese Woche seinen Rücktritt nach der Europameisterschaft im Sommer erklärt. Foto: Thomas Boecker/DFB/dpa

Im Sommer geht die zweitlängste Bundestrainerkarriere aller Zeiten zu Ende. Nach 15 Jahren an der Spitze des Nationalteams will Joachim Löw aufhören, wie er diese Woche verkündete. Für viele kam dieser Schritt überraschend, so mancher Kritiker dürfte dagegen aufgeatmet haben. Sehr bedauert wird die Nachricht auf jeden Fall in Löws Heimatstadt Schönau, die ihn nach dem Gewinn des WM-Titels 2014 zum Ehrenbürger ernannte.

Von Peter Schwendele

Schönau. Fast sieben Jahre liegt der grandiose Höhepunkt in der Karriere von Löw zurück, und so mancher meint, dass exakt damals – mit diesem Geschenk des vierten WM-Titels an Fußball-Deutschland – der ideale Zeitpunkt für ihn gewesen wäre, den Posten des Bundestrainers an den Nagel zu hängen. Sicher: Besser konnte es danach nicht mehr werden, höher hinaus ging es nicht mehr. Aber hinterher ist man natürlich immer schlauer.

Joachim Löw, der zu diesem Zeitpunkt bereits seit acht Jahren Bundestrainer war, nachdem er 2006 seinen ehemaligen Chef Jürgen Klinsmann abgelöst hatte, machte weiter. Es lockte der EM-Titel 2016, wo es allerdings nur zum Halbfinale reichte, und es lockte die Titelverteidigung bei der nächsten WM, ein Kunststück, das noch keiner deutschen Fußball-Nationalmannschaft und keinem Bundestrainer gelungen war.

Doch es kam ganz anders. Das Aus beim Treffen der Fußball-Nationen in Russland in der Vorrunde – ein Novum in der deutschen WM-Geschichte – verpasste dem Image des gebürtigen Schönauers einen gewaltigen Kratzer. Der Gegenwind wurde immer massiver, die Zahl der Kritiker schwoll an. Nach dem 0:6-Debakel im November in der Nations League gegen Spanien (die zweithöchste Niederlage einer deutschen Nationalmannschaft überhaupt) sahen viele die bevorstehende Europameisterschaft als letzte Chance für Löw, seinen Job zu behalten.

Jetzt hat der 61-Jährige selbst entschieden, im Sommer nach der EM aus seinem bis 2022 laufenden Vertrag auszusteigen. „Es ist der richtige Zeitpunkt, den Stab an einen anderen weiterzugeben“, sagte Löw am Donnerstag bei einer Pressekonferenz. Damit nahm er seinen Kritikern, die gern spöttisch vom „ewigen Jogi“ sprachen, den Wind aus den Segeln – und verschaffte sich selbst die Chance, mit einem begeisternden Turnier einen standesgemäßen Abschied zu feiern.

Doch unabhängig davon, wie die EM für die deutsche Mannschaft und ihren Coach laufen wird, bereits jetzt ist festzuhalten, dass im Sommer eine große Bundestrainerkarriere zu Ende gehen wird. Nur Sepp Herberger war länger im Amt als Joachim Löw, der 15 Jahre lang die deutsche Auswahl betreute. Er hat die meisten Spiele als Bundestrainer für Deutschland auf dem Buckel (189) und dabei die meisten Siege geholt (120).

Und vielleicht noch wichtiger: Nach der Rumpelkicker-Phase um die Jahrtausendwende hat in der Ära Löw wieder ein Fußballstil in der Nationalmannschaft Einzug gehalten, der grundsätzlich von Offensivgeist, Risikobereitschaft und Spielkultur geprägt war – und der in seinen besten Momenten in der Lage war, bei den Fans echte Begeisterung zu entfachen.

Diese Leistungen wusste man in Schönau – wo das Fußballstadion den Namen des Noch-Bundestrainers trägt – immer zu schätzen, wie einige Meinungen von Schönauern zur Löw`schen Rücktrittsankündigung belegen (siehe Artikel hier). Auch die Verbundenheit Löws mit dem kleinen Schwarzwaldstädtchen, in dem er aufgewachsen ist und wo er seine ersten Schritte auf dem Kickplatz unternommen hat, ist nach wie vor da. So hat Löw von Bürgermeister Peter Schelshorn jüngst eine Einladung zur Einweihung der neuen Mehrzweckhalle am 26. Juni bekommen. Aber das schmucke Gebäude wird sich Jogi Löw ein anderes Mal anschauen müssen – denn just zu dieser Zeit hat er ja noch etwas vor: Bei der EM seine Bundestrainerkarriere erfolgreich ausklingen lassen.

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