Schönau „Der Wolf soll leben, aber nicht hier“

Peter Schwendele
Auch im oberen Wiesental ist jetzt nachweislich ein Wolf unterwegs. Foto: Lino Mirgeler

Oberes Wiesental - Dass tatsächlich ein Wolfsrüde durchs obere Wiesental streift, ist für Michael Kauffmann vom Landratsamt Lörrach alles andere als überraschend. Der Nachweis sei „eine Frage der Zeit“ gewesen. Doch für diejenigen, die von der Entwicklung am direktesten betroffen sind, hat sich die Problematik noch einmal verschärft. Befürchtet wird, dass nicht wenige Landwirte ihre Tätigkeit einstellen könnten.

Am Montag hatte das Umweltministerium mitgeteilt, dass das Anfang Dezember in Wieden tot aufgefundene Reh von einem Wolf gerissen wurde. Es habe zuvor schon einige nichtbestätigte Risse im Kreis gegeben, so Michael Kauffmann, Leiter des Dezernats Ländlicher Raum im Landratsamt; zudem seien in Nachbarlandkreisen immer wieder Wolfsspuren nachgewiesen worden.

Angesichts dessen wurde bereits im Jahr 2020 im Südschwarzwald die Förderkulisse Wolfsprävention ausgewiesen, innerhalb der insbesondere „wolfsichere Zäune“ gefördert werden. Da es vor allem im Osten Deutschlands schon Rudel mit über 20 Wölfen gebe, fange man im Umgang mit den Tieren nicht bei Null an, sondern könne auf dort gemachte Erfahrungen zurückgreifen, so der Dezernent.

Passgenaue Maßnahmen

Allerdings ist Kauffmann bewusst, dass man die Verhältnisse nicht eins zu eins übertragen kann. Im Südschwarzwald habe man eine extensive Weidehaltung mit sehr großflächigen Weideräumen und in der Regel unbeaufsichtigten Nutztieren. „Deswegen brauchen wir passgenaue Maßnahmen“, sagt der Dezernatsleiter. Gleichzeitig stellt er klar, dass Zäune kein Allheilmittel darstellen, sondern im besten Fall ein Behelf sind, um den Wolf abzuhalten. Was auf jeden Fall dazukommen müsse, sei ein Weidemanagement – und hierfür wiederum sei ein intensiver Austausch zwischen allen Beteiligten unabdingbar.

Kauffmann weiß, dass es unter den Landwirten große Vorbehalte gibt, wenn es um die Rückkehr des Wolfs geht: „Das ist ein emotional sehr belastetes Thema.“ Man müsse indes bedenken, dass der Wolf nicht „böse“ sei, sondern sich schlicht opportunistisch verhalte, indem er sich dort Futter hole, wo es möglich ist.

Der Dezernent plädiert grundsätzlich dafür, „lösungsorientiert“ an die Thematik heranzugehen und fände es schade, wenn man aus einer grundsätzlichen Ablehnung dem Wolf gegenüber gewisse Dinge nicht einmal ausprobiert. Für Michael Kauffmann ist klar, dass es auch Konflikte geben wird, „aber man kann sie minimieren“.

Mehr als skeptisch in dieser Hinsicht ist man aber vor Ort im oberen Wiesental, insbesondere in den Kreisen der Landwirtschaft. Manfred Knobel, Bürgermeister von Aitern und selbst Landwirt, glaubt nicht, dass hier in der Region ein Zusammenleben von Menschen, ihren Nutztieren und dem Wolf möglich ist.

Kritik an Zaunlösung

Den Lösungsansatz mit Zäunen als Schutz vor dem Wolf hält Knobel in der hiesigen Region für nicht praktikabel. Es sei schwierig bis unmöglich, auf diesem Weg für die Sicherheit von Kühen, Kälbern, Schafen oder Ziegen zu sorgen. Allein sein eigener Betrieb umfasse rund hundert Hektar Weidberggebiet und nach Knobels Berechnungen würde es rund 350 000 Euro kosten, den gesamten Bereich einzuzäunen. „Ich darf aber im Jahr nur 30 000 Euro an Fördergeldern beantragen, also bräuchte ich knapp zwölf Jahre, bis ich alle meine Tiere schützen kann“, rechnet der Landwirt vor.

Weiter verweist Manfred Knobel darauf, dass die vom Land geforderte und zur Funktionsfähigkeit auch notwendige Wartung solcher Zäune schlicht und einfach nicht zu leisten sei. Kritisch seien wolfabweisende Zäune auch unter Tourismusgesichtspunkten zu sehen, „denn viele Wanderwege wird es dann bei uns nicht mehr geben“. Und schließlich müsse man bedenken, dass die Wolfszäune auch für das übrige Wild in den hiesigen Wäldern Barrieren darstellen.

Aiterns Bürgermeister ist sich sicher, dass der Wolf, sollte er sich erst einmal in der Region festsetzen, über kurz oder lang Rinder, Schafe oder Ziegen reißen wird. Von Naturschützern werde die Problematik kleingeredet nach dem Motto: Landwirte bekommen gerissene Tiere ja ersetzt. „Aber ums Geld geht es nicht“, stellt Knobel klar, „wenn ein Wolf einmal in einer Herde drin war, ist es praktisch nicht mehr möglich, mit den Tieren, die dann verängstigt und hysterisch sind, zu arbeiten.“

Viele Landwirte, die er kenne – rund hundert sind vor allem im Nebenerwerb noch im Gebiet des Gemeindeverwaltungsverbands Schönau tätig – würden ihm signalisieren, dass sie aufhören, wenn sie „ihre Tiere vom Wolf zerfleischen lassen müssen“. Schließlich hänge jeder Tierhalter an seinen Rindern, Kälbern, Ziegen oder Schafen.

Gezielte Herausnahme

Es gehe nicht darum, den Wolf auszurotten, stellt Manfred Knobel klar: „Der Wolf soll leben, aber nicht hier.“ Aiterns Bürgermeister plädiert nicht dafür, die Tiere, die in der Region unterwegs sind, einfach abzuschießen, sondern sie „herauszunehmen“ und umzusiedeln. Für diese Aufgabe gebe es professionelle EU-Jägertrupps.

Unterstützt wird diese Haltung grundsätzlich von Peter Schelshorn, Bürgermeister von Schönau und Vorsitzender des Gemeindeverwaltungsverbands. Zäune seien unter den hier herrschenden topografischen Bedingungen keine sicheren Hindernisse für Wölfe. Anstatt viel Geld für Zäune auszugeben, hält Schelshorn es für sinnvoller, hohe Entschädigungen an Landwirte für gerissene Tiere zu zahlen. Wobei Schönaus Bürgermeister durchaus bewusst ist, „dass wir hier eine Landwirtschaft haben, wo manche Kuh fast zur Familie gehören.“

Auch die Nutzung von Herdenhunden, wie sie etwa im Osten Deutschlands praktiziert werde, sei in der hiesigen Region nicht zielführend. Dagegen kann sich auch Schelshorn eine gezielte „Herausnahme“ des Wolfs durchaus vorstellen, denn seiner Ansicht nach gilt es unbedingt zu vermeiden, dass sich Rudel bilden können: „Dann haben wir ein massives Problem.“

Schelshorn fordert eine Intensivierung der Diskussion, wohl wissend, dass es sich um ein „höchst sensibles Thema“ handelt, weil der Wolf von vielen als sehr schützenswert angesehen wird. Auch Manfred Knobel hofft, dass die Diskussion jetzt an Fahrt aufnimmt und man gemeinsam mit den Behörden Lösungen findet.

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