Schönau Wenn Helfer zu Freunden werden

Gekommen als Helfer, gegangen als Freund – diese Einschätzung, die seit der Hochwasserkatastrophe im Ahrtal als geflügeltes Wort gilt, kann Mirco Eble hundertprozentig nachvollziehen. Der Schönauer war schon zwei Mal in der kleinen Stadt Altenburg, die im Juli brutal von den Wassermassen getroffen worden ist, um beim Wiederaufbau Hand anzulegen. Dort hat er tief gehende Erfahrungen gemacht.

Von Peter Schwendele

Schönau/Altenburg. Als Mirco Eble Mitte Juli in den Nachrichten die aufwühlenden Bilder vom Jahrhunderthochwasser, das vor allem in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen mehr als 180 Tote und Schäden in Milliardenhöhe forderte, zu sehen bekam, löste das bei ihm eine Kurzschlussreaktion aus: „Ich habe mir spontan gesagt: Ich muss da hoch und helfen.“ Über ein Radioforum meldete er sich als Helfer an und stand kurz darauf mitten in dem unvorstellbaren Chaos, das das Hochwasser im Ahrtal, einer der am stärksten betroffenen Gegenden, angerichtet hatte. Der 29-jährige Schönauer traf auf Soldaten, die zum Teil mit Räumungspanzern durch die Gegend pflügten, um Wege und Straßen wieder frei zu bekommen und die sagten, dass es mitten in Deutschland schlimmer aussehe als im Krieg.

Über lose geknüpfte Kontakte landete Mirco Eble in dem nahezu komplett vom Hochwasser unterspülten Örtchen Altenburg, wo er beim Gasthof Faltin in die Hände spuckte und zur Schaufel griff. „In der Küche und in den anderen Räumen lag ein halber Meter Schlamm“, erinnert sich der Schönauer, „in der ersten Zeit haben wir nur dieses ganze hochinfektiöse Zeug rausgeschippt.“ Das normale Leben war völlig zusammengebrochen, die Grundversorgung war extrem mühsam. Duschen oder Toiletten: Erstmal Fehlanzeige.

Situation schweißt zusammen

Schnell schweißte die dramatische Situation und das apokalyptisch anmutende Umfeld die Menschen vor Ort und die Helfer von auswärts zusammen. Tagsüber wurde bis zum Umfallen geschuftet, um die Häuser wieder einigermaßen bewohnbar zu machen, abends saß man in geselliger Runde beisammen und versuchte, das Unbegreifbare irgendwie zu begreifen. „Man hat ständig dasselbe zu hören bekommen, die Leute haben unbewusst versucht, so das Erlebte zu verarbeiten, denn das ging ja ans Existentielle“, erinnert sich Eble.

Wie vielerorts im Ahrtal fand sich rund um den Gasthof Faltin eine heterogene Helfergruppe zusammen, in der auch Mirco Eble zwei Wochen lang mithalf, die gröbsten Schäden zu beseitigen und wenigstens wieder einen Hauch von Normalität herzustellen. Die Stimmung war alles andere als fatalistisch, aber von der Katastrophe geprägt, erinnert sich der Schönauer: „In der ersten Zeit hieß es: Solange wir Bier, Zigaretten und Panzer da haben, ist alles gut.“ Grundsätzlich sei es eine Freude gewesen, mit den Menschen im Ahrtal zusammenzusein: „Die haben dort eine herzensgute Art.“

In der Zeit, in der er im Katastrophengebiet war, hat der 29-Jährige, der gerade seine Prüfung als Notfallsanitäter bestanden hat, vielfältige Erfahrungen gemacht, die zum Teil sehr tief gegangen sind. So kam es etwa auch zu Situationen, in denen man nicht sicher sein konnte, ob man beim Abtragen der Schlammberge auf Tote stoßen würde. „Das macht was mit einem“, bekennt Eble. In den ersten Nächten sei er oft heulend in seinem Bus, mit dem er von Schönau aus angefahren war, gelegen. Bedrückend war auch, dass es Einbrecher und Plünderer gab, die die missliche Lage der Menschen ausnutzten, um sich zu bereichern.

Normalität ist noch weit entfernt

Umso beeindruckender empfand Eble die Hilfsbereitschaft, die vor Ort herrschte. So spendete der Getränkelieferant völlig unbürokratisch für den ruinierten Gasthof die nötigen Utensilien, damit dort wieder eine provisorische Theke aufgebaut werden konnte. Unter den Helfern, die aus ganz Deutschland angereist waren, gab es einen extremen Zusammenhalt. „Wir haben eine krasse, auf ihre Art aber auch sehr schöne Zeit miteinander erlebt“, sagt Mirco Eble. Mit Frank Faltin, dem Besitzer des Gasthofs, verbindet den jungen Schönauer mittlerweile eine enge Beziehung: „Er hat mir gesagt, das ich wie ein Bruder für ihn bin.“

Aufgeben kommt für Faltin nicht in Frage, obwohl der Gasthof aufgrund der massiven Schäden durch das Hochwasser bis auf Weiteres nicht betrieben werden kann. Bei seinem zweiten Aufenthalt im Ahrtal Ende September hat Mirco Eble feststellen müssen, dass die Normalität vielerorts noch weit entfernt ist, so auch in Altenburg: „Es gibt Häuser, in denen im nächsten halben oder dreiviertel Jahr kein normales Leben möglich ist, in denen alles neu gemacht werden muss.“ Dazu kommt, dass die kalte Jahreszeit vor der Tür steht und vieles erschweren wird.

Für ein ungutes Gefühl sorgt auch, dass das Thema Hochwasserkatastrophe in den Medien in den Hintergrund gerückt ist. Die Sorge, dass die betroffenen Gebiete langsam aber sicher in Vergessenheit geraten, wächst. Die organisierte Hilfe durch Feuerwehr, DRK, THW und andere Organisationen wird zunehmend abgebaut. Befürchtet wird, dass auch die nicht organisierte Hilfe immer mehr abreißt.

Für Mirco Eble steht allerdings fest, dass er nicht zum letzten Mal als Helfer im Ahrtal war. Und er hofft bei seinem nächsten Einsatz auf weitere Unterstützung aus dem Wiesental. So wie vor seiner ersten Fahrt im Juli. Damals hatte sein spontan gestarteter Aufruf eine Menge Sachspenden und eine Geldspende von 1800 Euro erbracht. Vom Werkzeug über Küchengeräte bis zu Möbeln werden laut Eble noch viele Dinge gebraucht.

Altenburg ist ein Ortsteil der Ortsgemeinde Altenahr im rheinland-pfälzischen Landkreis Ahrweiler, der im Sommer besonders schwer vom Hochwasser getroffen wurde. Der Ort zwischen Altenahr und Kreuzberg liegt 175 Meter über dem Meeresspiegel und hat circa 600 Einwohner.

Wer Mirco Eble bei seiner Hilfstätigkeit unterstützen und spenden möchte, kann per E-Mail unter folgender Adresse Kontakt aufnehmen: solid_ahr_itaet@gmx.de.

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