Schönau Werbung für geräuscharmes Fahren

Hans-Jürgen Hege

Zum dritten Mal gingen rund 50 E-Biker aus ganz Deutschland und der Schweiz mit ihren zwar schweren, aber leisen Maschinen zum „Electric Ride“ auf große Reise ins kleine Wiesental und waren Gäste der Energiewerke Schönau (EWS), von wo aus sie auf eine Rundfahrt durchs Bergland rund um die Schwarzwaldstadt starteten. Bei einer anschließenden Podiumsdiskussion wurde auch besprochen, ob Elektromotorräder eine Lösung für das Lärmproblem im Wiesental darstellen können.

Von Hans-Jürgen Hege

Schönau. Mit der Ausfahrt wollten sie den Bewohnern der lärmgeplagten Dörfer zeigen, dass es auch ohne Lärm und ohne stinkende Abgase möglich ist, Spaß an hohen Geschwindigkeiten oder einfach nur Freude an gemächlichen Spritztouren durch sehenswerte Landschaften zu haben. Den Spaß verderben ließen sich die Biker auch nicht von den Regenschauern. Einige bedauerten lediglich, dass sie den Menschen in den Bergdörfern mehr Lärm als üblich zumuten mussten, weil – so Organisator Christian Jog vom Verein „Electrify BW“ bedauernd – „die Abrollgeräusche auf nassen Straßen doch einen gewissen Pegel erreichen.“

Apropos Krach: Die Anwohner im Schopfheimer Nobelquartier „Altig“ dürften erstmals nicht so richtig mitbekommen haben, dass auf dem angrenzenden Motocross-Gelände des MSC ein Offroad-Training stattfindet. Denn auch das war „rein elektrisch“ und beschäftigte nur die Fahrer selbst, die nach dem Abbiegen von der Dossenbacher Landstraße etwas verschnupft feststellten: „Das ist hier aber ganz schön dreckig!“

Rücksichtnahme von allen gefordert

Zu dem Zeitpunkt lag die spannende Diskussionsrunde in den Räumen der EWS hinter den Bikern, die Christian Jog unter der Überschrift „Werden Motorräder die Welt retten?“ anberaumt hatte. Teilnehmer waren Gastgeber Sebastian Sladek, Christian Jog, Michael Wilczynski, der zweite Vorsitzende des Bundesverbandes der Motorradfahrer (BVDM) und „Youtuber“ Remo Klawitter, der das Fachgeschäft „StadtRad“ in Berlin betreibt und stolzer Inhaber eines Weltrekords ist, den er mit seinem eBike über eine Strecke von 1113,4 Kilometer innerhalb von 24 Stunden in der Hauptstadt aufgestellt hat. Sie diskutierten über die Zukunft der Elektro-Fahrzeuge, des Individualverkehrs und von Hobbys auf Rädern, die nach Meinung von Sladek zunehmend auf dem Prüfstand stehen werden. Breiten Raum nahm dabei das Thema Lärmbelästigung ein, das die Bürger nicht nur rund um Schönau, sondern in allen Höhenlagen des Schwarzwaldes auf die Barrikaden treibt. „Schönau“, sagte Sladek, „ist nicht ganz so betroffen“, aber er kenne Menschen, die ihre Häuser und Wohnungen in den Sommermonaten verlassen und in ruhigere Gefilde ziehen. Wilczynski konnte das nicht recht nachvollziehen. Er glaubt, dass die Displays, die an einschlägigen Stellen aufgestellt sind, inzwischen Wirkung zeigen. „Es gibt doch etliche Fahrer, die lieber lächelnde Smileys als erboste Gesichter sehen möchten“, sagte er, betonte aber auch, dass diese Displays von den Ortschaften richtig eingestellt werden müssten. Es sei überaus ärgerlich, wenn die Displays Lärm anzeigen, wo gar keiner ist. Im Grunde müsse man die Probleme lockerer angehen. Schließlich seien es lediglich drei bis vier Prozent der Zwei- und Vierradfahrer, die „absichtlich“ über die Stränge schlagen, hieß es, obwohl Sladek nochmals einschränkte: „An schönen Sommertagen ist der Lärm doch gravierend.“ Von manchen Wohnungen aus könne man den Krach durch die ganze Stadt verfolgen.

Für Moderator Jog tat sich die Frage auf, was dagegen unternommen werden könne. „Sind Straßensperrungen die Lösung“, fragte er in die Runde und bekam zu hören, dass solche Sperrungen nur dann akzeptabel seien, wenn sie nicht nur Motorradfahrer auf eBikes oder auf Maschinen mit Verbrenner-Motoren, sondern alle Verkehrsteilnehmer beträfen. Zum einen würde der ohnehin vorhandene Graben zwischen den einzelnen Gruppen noch tiefer, zum anderen seien sie – so Wilczynski – gar „asozial“, weil Lärm im einen Ort nur auf Kosten zunehmenden Lärms in den Nachbarorten verhindert würde. „Wir dürfen Motorradfahrer nicht auseinanderdividieren“, lautete die Erkenntnis der Runde, die im übrigen glaubt, dass sich das Verhältnis der Verkehrsteilnehmer untereinander im Gegensatz zu früher wesentlich verbessert habe. „Wir haben unterm Strich ein gutes Miteinander“, betonte auch Klawitter, der Aktionen lobte, die auch der BVDM befürwortet: Gemeinsam mit der Polizei gibt es solche knöllchenfreien Aktionen. Nach dem Motto „hört mal zu“ werde gemeinsam Café getrunken und über Schwierigkeiten gesprochen. „Und da“, so Wilczynski, „machts beim einen oder anderen tatsächlich ‚Klick‘ im Kopf.“

Unterm Strich stellte Sladek fest: „Wir haben noch einen verdammt langen Weg vor uns.“ Noch lasse die Akzeptanz der Bike-Fahrer untereinander zu wüschen übrig. Nur wenige lassen derzeit noch von Gewohntem ab. „Aber auch wir hatten anfangs große Problem, Neues durchzusetzen“, erinnerte der Stromrebell an die Anfangszeiten, die seine Eltern mit der alternativen Energieerzeugung durchzustehen hatten. „Wir waren verschrien als Leute, die bei Kerzenlicht stricken wollen“, schmunzelte er und riet zur gegenseitigen Rücksichtnahme: „Wir müssen uns Gedanken machen über den Treibstoff von morgen, überlegen, wofür und wie lange der vorhandene Strom noch reicht.“ Für alle galt: „Wir müssen daran arbeiten, dass wir als Motorradfahrer akzeptiert werden und uns dabei für alle Technologien offen zeigen“ Auch die Politik sei gefordert, hieß es bei der Diskussion. Der BVDM hält es für überlegenswert, statt Prämien zu bezahlen für den Kauf von E-Autos (für E-Motorräder gibt es die übrigens nicht), die Anschaffung von elektrisch getriebenen Fahrzeugen für Jugendliche zu fördern, um diesen den Umstieg auf Elektrofahrzeuge schmackhaft zu machen. Ausgebaut und besser kenntlich gemacht werden müsse das E-Säulen-Netz. Wichtig sei auch, klarzumachen, dass man Spaß mit Motorrädern haben kann, die weder stinken noch lärmen. Und darauf hinzudeuten, dass es jeder Fahrer selbst in der Hand hat, wie viel Lärm er macht. Und man kam zum viel beklatschten Schluss: „Wenn alle verantwortungsvoll fahren, bräuchte man keine Straßensperrungen, keine Geschwindigkeitsbegrenzungen und keine Lärmmessungen.“

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