Schopfheim Altes Virtuosentum zum Leben erweckt

Markgräfler Tagblatt, 23.05.2018 02:50 Uhr

Von Jürgen Scharf

Schopfheim. Ein absolutes Novum bei „Klassik im Krafft-Areal“: Barockmusik. Bisher war die Konzertreihe, wie der Titel schon sagt, auf Klassik und Romantik ausgerichtet, dass aber Barock zieht, zeigte der Samstagabend in der Fahrnauer „Tonhalle“, wo vier Barocksolisten beim jüngsten Stiftungskonzert englische, italienische und deutsche Kammermusik der Barockzeit vorstellten.

Am Cembalo saß mit Raphael Alpermann ein ausgewiesener Barockexperte, Mitglied der Akademie für Alte Musik Berlin. Aber auch die Streicher hatten sich auf die historisch informierte Seite geschlagen und sich auf Barock umgestellt. Geiger Daniel Gaede, ehemaliger Konzertmeister der Wiener Philharmoniker, und Johanna Staemmler an der zweiten Violine hatten ihre Streichinstrumente zwar nicht mit Darmsaiten bespannt, aber zum Barockbogen gegriffen.

Instrument ohne Stachel

Auch das Instrument von Aleke Alpermann hatte keinen Stachel, aber nicht, weil es ein Barockcello war, sondern, weil man so den Einsatz historischer Spielpraxis wie die barocke Bogenführung besser handhaben kann. Da die Streicher auch kein oder nur wenig Vibrato einsetzten, konnten die klanglichen Spezifika bei Bach (Sonaten), Händel (Triosonate), Stradella (Sinfonia) oder Vivaldi (Variationen) prägnant herausgearbeitet und die Stücke annähernd im Sound ihrer Entstehungszeit aufgeführt werden.

In den fulminanten Violinsonaten von Bach etwa oder in Vivaldis immer wieder faszinierenden Variationen über den Hit „La Follia“ für zwei Violinen lässt sich erahnen, welches erstaunliche Virtuosentum damals zur Barockzeit herrschte. Die Interpreten ließen dieses Virtuosentum wieder aufleben.

Das war höchst eindrucksvoll, denn die Geigen klangen auch mit Barockbogen voll und warm, vor allem sehr differenziert. Zudem haben die Vier mit viel Witz, ja, geradezu fetzig gespielt, ungemein frisch und farbig.

Spielfreude, Akkuratesse und Temperament

So hört man dies nicht oft. Die Freude am Klang, am Rhythmus, an den instrumentalen Effekten wurde hör- und sichtbar durch die Spielfreude, die Akkuratesse und das Temperament, das alles überstrahlte. Am Cembalo sorgte Raphael Alpermann für das verbindende und einheitsstiftende Continuospiel.

Der Höhepunkt, der Vivaldi-Reißer über „La Follia“, kam überraschenderweise schon vor der Pause, mit schwindelerregenden rasanten Tempi, so dass das Publikum atemlos und gebannt zuhörte. Das Konzert gab einen wundervoll klingenden Eindruck von der damaligen barocken Wirklichkeit auf heutigen Instrumenten, wenn auch mit einem historisierenden Cembalo als konzertierendem Instrument. Für einmal musste der sonst im Krafft-Areal dominierende große Steinway-Flügel abgedeckt an der Seite stehen und stumm bleiben.

 
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