Schopfheim „Am Rand der Verzweiflung“

Beim Richtfest für den Schulneubau im Juli herrschte noch die Freude vor. Foto: Archiv Foto: Markgräfler Tagblatt

Verzweiflung, aber vor allem Resignation macht sich im Stadtrat angesichts der unaufhörlichen Kostensteigerungen beim Campus-Neubau breit. So auch in der vergangenen, drei Stunden dauernden Gemeinderatssitzung. Nach einer allgemeinen Übersicht über die Kostenentwicklung durch Projektsteuerin Regine Steiner sollten die Stadträte weitere Mehrkosten bei Vergaben bewilligen.

Von Petra Martin

Schopfheim. „Wo ist das Ende der Fahnenstange“, fragte Thomas Gsell (SPD) angesichts nicht bezifferter Risiken. Thomas Kuri (CDU) bemängelte, dass die Verwaltung die Zahlen erst kurz vor der Sitzung vorlege, so dass stets nur Reaktionen statt Aktionen möglich seien. Es passiere einfach, gegensteuern könne man nicht. Er tue sich schwer, hier noch positiv gestalten zu wollen. „Wir können es nicht mehr so mittragen“, sprach Kuri auch anderen Stadträten aus der Seele.

Gewünscht würden längere Zeiträume für die Entscheidungen. Ernest Barnet (Grüne) sagte, auf die Gesamtsituation bezogen gebe es wenig Veränderungen zum Positiven. Würde es sich um sein privates Bauvorhaben handeln, so Barnet, hätte er den Planer „zum Teufel gejagt“. Es müsse genügend Zeit vorhanden sein, um in Bezug auf die Kosten Stellschrauben etwa an Halle und Jugendzentrum drehen zu können. Es lägen Angebote vor, die mit 30 Prozent über dem, was veranschlagt wurde, „eine Frechheit“ seien. „Das ist absolut daneben.“

Bürgermeister Harscher ließ wissen, die Stimmungslage im Gremium wahrzunehmen. „Die ist berechtigt.“ Harscher kündigte an, beim Treffen mit dem Campus-Planer aus Linz „Klartext zu reden“. Denn: „Wenn wir so weitermachen, wird das Ganze zu einem Millionengrab.“ Es müsse möglich sein, die Zahlen vom Planer frühzeitiger zu erhalten, denn derzeit habe man keine Option, Prüfungen vorzunehmen, zum Beispiel ob etwas auch mit anderen, günstigeren Materialien gebaut werden könne. So könne es nicht weitergehen, sagte Harscher. Die Stadt sei Bauherrin. „Wir müssen da einigermaßen gut rauskommen.“ Es gelte, auf den Tisch zu klopfen und dem Planer – bei allem Vertrauen – die Leviten zu lesen. Denn die derzeitige Entwicklung „bringt uns an den Rand der Verzweiflung“.

Peter Ulrich (SPD) erkundigte sich nach einem Plan B, der vorsehen könne, den Schulbetrieb, also das Nötigste, aufrechtzuerhalten, andere Dinge aber zeitlich zu verschieben, „damit wir nicht in Bedrängnis geraten“. So könne überlegt werden, ob etwa der Umzug der Hebelschule verzögert werden kann.

Bürgermeister Harscher sagte indes, der Schulneubau befinde sich auf der Zielgeraden, der Umzug der Hebelschule in den neuen Campus solle im Herbst 2021 stattfinden. Thomas Gsell konstatierte, dass es keinen Plan B gebe. Zu den Überlegungen, Umzüge, Teile der Altbau-Sanierung sowie den Abriss und den Neubau von Mensa und Technikgebäude vorerst zu verschieben, sagte Gsell, es sei naiv zu glauben, man könne ein Gebäude für ein Jahr leer stehen lassen. „Wir sitzen in der Falle, aus der kommen wir nicht raus“, meinte er. Ein Leerstand wäre ein „absoluter Notnagel“, betonte Peter Ulrich, ein Weg, den er nicht gehen wolle.

Bürgermeister Harscher will nachverhandeln

Fachgruppenleiterin Martina Milarch wies darauf hin, dass etwa bei der Wahl der Materialien auch immer bedacht werden müsse, wie lange diese halten und dass günstigere Materialien möglicherweise eher ausgetauscht werden müssten.

Es wurde darauf hingewiesen, dass es nicht die Kostensteigerungen bei den Vergaben seien, die zu den hohen Kosten führten, sondern andere Faktoren wie etwa der Baupreisindex. Insgesamt 36,6 Millionen Euro lautet der Gesamtstand für das Campus-Projekt derzeit, vor einem Jahr lag dieser bei 30,7 Millionen. Die Gebäudemanagerin machte deutlich, dass bei Verschieben von Arbeiten die Kosten in den kommenden Jahren nicht sinken werden.

Trotz der Beschwerden über Intransparenz und zeitlichen Entscheidungsdruck entschied sich der Gemeinderat mehrheitlich, weiteren Vergaben zuzustimmen: Für „gute Türen“ entschied sich denn das Gremium, als es um die Vergabe für die Innentüren aus Holz und die Brandschutztore für den Schulneubau ging.

Und damit auch für Mehrkosten (wir berichteten ausführlich in unserer Freitagsausgabe), die genauso entstehen, wenn das Gremium mutmaßlichen Erhöhungen der Bezugsleistung des Stromanschlusses für Schule und Sporthalle zustimmen sollte.

Bei der Ratssitzung am Montag beschloss der Rat indes auf Vorschlag von Teresa Bühler (SPD) zunächst, diese Entscheidung zu vertagen. Der Rat beauftragte hingegen Bürgermeister Harscher, mit Energiedienst nachzuverhandeln und nach kostengünstigeren Alternativen zu suchen. Außerdem soll die Verwaltung anwaltlich prüfen lassen, ob die Stadt das ursprüngliche Planungsbüro in Regress nehmen kann, was Thomas Kuri (CDU) und Hildegard Pfeifer-Zäh vorgeschlagen hatten.

Das frühere Planungsbüro – mittlerweile ist ein anderes am Zug – habe es möglicherweise versäumt, so hieß es in der Sitzung, den höheren Strombedarf am Campus miteinzurechnen, was nun zu gravierenden Kostensteigerungen führen könnte.

Das Einmaleins des Elektroplaners

„Es ist das Einmaleins des Elektroplaners, die Lasten auszurechnen“, hieß es bei der Gemeinderatssitzung am vergangenen Montag. Zudem könne es sinnvoll sein, die Leitungen erst nach dem Abriss der Halle zu verlegen statt ein Provisorium zu installieren.

Dass das ursprüngliche Planungsbüro etwa vom Aufzug nichts gewusst haben wolle und deshalb die Stromkosten in der Bilanz steigen sollen, verschlage ihm die Sprache, sagte Thomas Gsell. Er könne nicht glauben, so auch Thomas Kuri, dass bei so vielen Fachleuten solche Versäumnisse passierten.

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