Schopfheim Auch bei Tieren grassiert der Ärztemangel

Gerald Nill
Auch die Geburt eines Kalbes kann. zum Notfall werden. Die entsprechende Versorgung ist dann wichtig – nicht immer aber gegeben. Foto: Sonja Eiche

Die tierärztliche Versorgung im Wiesental ist in Gefahr. Besonders bei Notfällen von Nutztieren ist die Versorgung nicht mehr gewährleistet. Diese Befürchtungen sprechen Tierärztin Dagmar Engel und Hufschmiedin Manuela Kiefer aus und schlagen Alarm.

Die tierärztliche Versorgung im Wiesental ist in Gefahr. Besonders bei Notfällen von Nutztieren ist die Versorgung nicht mehr gewährleistet. Diese Befürchtungen sprechen Tierärztin Dagmar Engel und Hufschmiedin Manuela Kiefer aus und schlagen Alarm.

Im Kontext von Wolf-Problematik und drohender Schlachthof-Schließung sowie Bürokratie könnte dieser Punkt zur Aufgabe von Nebenerwerbsbetrieben führen, so die Befürchtung der Expertinnen.

Tierärztin Dagmar Engel schlägt Alarm. Die tierärztliche Versorgung der Nutztiere im Wiesental ist kaum mehr gewährleistet.d Foto: Gerald Nill

Sorge um die kleinen Höfe

Die Sorgen um die kleinen Höfe im Schwarzwald ist nicht neu. Immer weniger Landwirte verspüren Lust, die Tradition der Nebenerwerbsbetriebe fortzuführen, weil die Probleme an mehreren Fronten zunehmen und die Freuden an einem landwirtschaftlichen Hobby sinken.

Der neueste Aspekt ist die mangelhafte tierärztliche Versorgung bei den Nutztieren. Hufschmiedin Manuela Kiefer aus Blauen weiß von einem Notfall in ihrer Nachbarschaft zu berichten: Bei der Geburt eines Kalbes erlitt die Mutterkuh einen Gebärmuttervorfall. Aus medizinischer Sicht ein klarer Notfall, der häufig zum Tod des Tieres und damit zu einem erheblichen Verlust für den Besitzer führen kann. Nach Angaben von Manuela Kiefer erschien nach vier Stunden ein alarmierter Tierarzt, um das bedrohte Tier zu behandeln.

Versorgung ausgedünnt

Die medizinische Versorgung von Großtieren im Kleinen und Großen Wiesental sei absolut ausgedünnt, bedauert die Hufschmiedin. Tierarzt Willi Dörflinger aus Eichen habe sich mit seiner Praxis weitgehend aus der Nutztier-Behandlung zurückgezogen. Dörflinger bestätigt, dass er nur noch in geringstem Maße in der Großtierpraxis tätig ist. Dank der Pferde-Klinik in Wehr sehe es bei der Versorgung von Pferd und Esel noch ganz gut aus, berichtet die Tierexpertin aus Blauen. Schafe, Ziegen und Rinder aber hätten klar das Nachsehen.

Nur zwei Veterinäre für Nutztiere

Es gebe nur noch zwei Veterinäre, die für die Nutztiere von Lörrach bis Todtnauberg zuständig seien: Kathrin Jost aus Binzen und Jakob Heinrich aus Kandern. Beiden macht Kiefer ein dickes Kompliment. Die Tiermediziner seien gefühlt 24 Stunden an sieben Tagen die Woche im Einsatz, mit Herzblut bei der Sache, aber könnten den riesigen Beritt dennoch nicht bewältigen. „Ich bewundere sie“, sagt Kiefer anerkennend über die beiden Veterinäre für Großtiere.

Es müsse dringend etwas geschehen, findet die Tier-Expertin, die erwägt, sich mit einer Unterschriften-Aktion an die Tierärztekammer des Landes zu wenden.

Einsatz rechnet sich nicht

Dagmar Engel aus Hausen, die eine mobile Kleintierpraxis betreibt, bestätigt das Problem und versucht, die Ursachen der mangelhaften tierärztlichen Versorgung zu erklären. Die extrem ausgedünnte Abdeckung insbesondere beim Nutzvieh hänge natürlich auch mit dem schlechten Preis-Leistungs-Verhältnis zusammen. Wenn sie zum Beispiel zweimal im Jahr zu einer Tiergeburt zu einem Nebenerwerbslandwirt in Todtnauberg fahren müsse, vorzugsweise nachts oder am Wochenende, und dabei alleine eine Stunde Fahrzeit anfalle, dann rechne sich die Sache nicht. „Ich kann von so einem Landwirt nicht 300, 400 Euro nehmen“, rechnet Engel vor, „das können diese nicht bezahlen.“

Autobahn-Tierärzte im Einsatz

Gleichzeitig bleibe die Arbeit in der Kleintierpraxis durch so einen Einsatz auf dem Bauernhof liegen. Und damit wird die Angelegenheit für den Tierarzt schnell unlukrativ. Große Betriebe hätten inzwischen so genannte „Autobahn-Tierärzte“, die regelmäßig auf den großen Höfen vorbeischauten. Manche Behandlungen könnten die erfahrenen Vollerwerbs-Landwirte inzwischen auch selbst durchführen.

Notfälle ein Problem

Das Nachsehen hätten die kleinen Höfe, die ungünstiger Weise auch noch in einem Riesen-Umkreis verstreut liegen. Wenn dort im Stall mal ein Notfall auftrete, sei das ganz schlecht.

Immer häufiger hört die erfahrene Tiermedizinerin, dass Nebenerwerbsbauern langsam die Lust an der Tierhaltung verlieren. Da sei die drohende Wolfsproblematik, die sich langsam am Horizont abzeichne mit dem laut Engel „völlig inakzeptablen Wolfszaun“, da sei die zunehmende Bürokratie, um die überlebensnotwendigen Zuschüsse zu kassieren, da sei die völlig ungeklärte Zukunft des Schlachthofes in Schönau und nun auch noch die bröckelnde tierärztliche Versorgung. „Für die Leute wird es extrem schwierig“, glaubt die Tierärztin.

Kulturlandschaft in Gefahr?

All diese Punkte führten dazu, dass Nebenerwerbsbetriebe sich zweimal überlegen, ob sie eine Investition tätigen. Und sie wägen gut ab, ob eine Hofübergabe an die nächste Generation überhaupt noch Sinn macht. Engel skizziert ein düsteres Bild: Sie glaubt, dass der Schwarzwald vor einem dramatischen Umbruch steht und die Nebenerwerbslandwirtschaft möglicherweise schon in fünf Jahren beendet sein könnte, weil sie sich nicht lohnt und mehr Verdruss als Freuden bereitet. Die viel gepriesene offene Kulturlandschaft im Biosphärengebiet Südschwarzwald sei dann ernsthaft in Gefahr, läutet Engel die Alarmglocken.

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