Schopfheim „Beleidigung ist Gewalt am Herzen“

Keine Gewalt in der Schule: Insgesamt 17 Drittklässler der Max-Metzger-Schule haben ihre Friedensträger-Ausbildung erfolgreich abgeschlossen. Foto: zVg

Schopfheim - Gewalt oder keine Gewalt? Diese zentrale Fragestellung hat zehn Jungen und sieben Mädchen vier Tage lang beschäftigt. Die Drittklässler haben nicht nur die Antwort gefunden, sondern sie sind bei einem Pilotprojekt an der Dr.-Max-Metzger-Schule zugleich zu Friedensträgern ausgebildet worden. In schwierigen Situationen ist ihr Einsatz nun gefragt.

Emil hält das rote Kärtchen hoch: „Gewalt“ steht darauf. Obwohl keine Fäuste geflogen sind, sondern ein Kind dem anderen nur abwertend begegnete, legt sich der Drittklässler fest. „Beleidigung ist Gewalt am Herzen.“ Auch seine Schulkameradin Caterina findet: „Es ist innere Gewalt.“

Die drei Schulsozialarbeiterinnen Tanja Hübschmann (Max-Metzger-Schule), Melanie Vahl (THG) und Svenja Müller (Grundschule Vorderes Kandertal) blicken zufrieden. Ihr gerade aufgeführtes Rollenspiel hat den Schülern den Unterschied zwischen „Gewalt“ und „keine Gewalt“ vor Augen geführt. Das Rot der Kärtchen wird von allen 17 Kindern in die Höhe gestreckt.

Dass die Drittklkässler ein Rollenspiel später neben den roten auch grüne Kärtchen mit „keine Gewalt“ zur Hand nehmen, kann wiederum als Erfolg verbucht werden. Denn so einfach ist eine klare Abgrenzung nicht. „Sie hat die Mitschülerin nicht angegriffen und nicht beleidigt“, führt Katharina beispielhaft an, nachdem im Rollenspiel eine Tasche heimlich weggenommen und dann versteckt wurde.

„Viele Kinder nehmen das Projekt sehr ernst und wichtig“, bemerkt Tanja Hübschmann. Gemeinsam mit ihren Kolleginnen will sie mit der Ausbildung den Jungen und Mädchen Tipps an die Hand geben, Frieden zu halten.

„Friedensträger“ lautet der Titel, der später nach der viertägigen Ausbildung auf dem Zertifikat prangt. Es handele sich nicht um Streitschlichter. „Es geht darum, Hilfe anzubieten oder zu holen und in schwierigen Situationen zu sehen, was es braucht, anstatt aktiv Streit zu schlichten.“

Friedensträger können laut Hübschmann einen wertvollen Beitrag zu einem friedlicheren Zusammenleben in der Schule und darüber hinaus leisten – „und vor allem für sich selbst profitieren“. Denn es geht auch darum, Strategien zu finden, bei Konflikten zu helfen, ohne in diese womöglich schmerzhaft hereingezogen zu werden.

Ein deutlicher Erkenntnisgewinn ist bei den Grundschülern dann auch bemerkbar. „Die Ausbildung hilft, weil man mehr über die Ursachen des Streits weiß und ihn so auch verhindern kann“, erklärt der achtjährige Jonathan. Denn: „Man sieht, wie sich die anderen fühlen.“

Wie entsteht Streit?

In vielen Spielen und Übungen wird genau das geübt, Antworten auf Fragen gegeben: Wie entsteht Streit und wie fühlt man sich dabei? Wie kann ich meine Wünsche und Bedürfnisse anderen gegenüber adäquat ausdrücken? Wie gehe ich damit um, wenn mich jemand immer wieder durch sein Verhalten herausfordert? Wie gehe ich mit jemandem um, den ich nicht leiden kann?

Denn gerade Ausgrenzung kann den Schulhof zu einem harten Pflaster machen, weiß Tanja Hübschmann. Kinder stehen dort zusammen, Mitschüler werden ausgegrenzt, nicht in der Gruppe gewollt. Bei diesen staue sich dann ebenso Wut auf wie in der Gruppe. Folge: Streit.

Doch genau davor sollen künftig die Friedensträger eingreifen, die Situation frühzeitig erkennen, ein offenes Ohr haben. „Sie können sich zu jemandem stellen, der alleine ist oder bedrängt wird, jemanden ansprechen, der traurig aussieht, ihn zur Aufsicht oder zur Schulsozialarbeit begleiten“, schildert Hübschmann das Ziel der Schulung, das sie nach den vier Tagen in Sichtweite hat.

Doch die Schulsozialarbeiterin der Max-Metzger-Schule weiß auch: „Man muss gut dran bleiben an dem Thema, die Kinder weiterhin im Schulalltag begleiten, dass sie das Wissen auch umsetzen.“ Außerdem soll es künftig an der Schule dauerhaft im zweiten Halbjahr für Drittklässler dieses besondere Ausbildungsangebot geben.

Hoffnung machen ihr die Rückmeldungen zum Abschluss des Pilotprojekts an der Max-Metzger-Schule. „Wenn ich Streit erkenne, versuche ich zu helfen. Wenn es nicht klappt, hole ich jemanden“, erklärt Luis.

Wie aktiv die Friedensträger künftig sind, entscheidet jeder der Schüler aber selbst, betont die Schulsozialarbeiterin. „Die Kinder sind jedenfalls sehr emphatisch.“ Noch sei aber offen, wie die Kinder im Schulalltag mit dem Erlernten auftreten werden.

Die Friedensträger-Ausbildung ist erstmals für Schüler der dritten Klassen angeboten worden. Diese wurde von der Schulsozialarbeit der Dr.-Max-Metzger-Schule in Person von Tanja Hübschmann in Kooperation mit der Schulsozialarbeit des THG (Melanie Vahl) und der Grundschule Vorderes Kandertal (Svenja Müller) realisiert.

Das Projekt ist angelehnt an die Friedensstifter-Ausbildung, die seit einigen Jahren an der Friedrich-Ebert-Schule mit großen Erfolg umgesetzt wird. Für die Grundschule wurde das Konzept angepasst. Im nächsten Schuljahr ist in veränderter Form das THG an der Reihe.

Die Ausbildung ist für die Kinder kostenlos.

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