Schopfheim Das gekippte Schönheitsideal

Markgräfler Tagblatt

Ein Spiel zwischen Kunst und Werbung betreibt Martin Wundsam in der Ausstellung „Pfundfrisch am Stück & geschnitten“ im städtischen Museum.

Von Jürgen Scharf

Schopfheim. Schöne Menschen haben es leichter, werden im Job bevorzugt, von Zeitgenossen positiver gesehen. Lookismus nennt sich dieser Hype des Aussehens, der normierten Körper, der Schönheitsstandards und der Wirkung auf andere.

Der Lörracher Grafikdesigner Martin Wundsam hinterfragt in seiner Schau im Kunstverein Schopfheim diese Mechanismen des Lookismus auf ironische Weise in radikal sarkastischen Bildcollagen. Er kippt das Schönheitsideal und nutzt dazu die Ästhetik der Alten Meister. Ein Renaissance-Modell aus der Kunstgeschichte drückt warmherzig glitschige Karpfen an ihren nackten Busen, die Dame mit dem Eichhörnchen von Holbein hält statt des Tierchens eine Rosette aus Salamiblüten auf ihrem Schoß, die „Salome“ von Jean Benner trägt nicht den abgeschnittenen Kopf des Johannes, sondern triumphierend Würste auf dem Tablett. Und Rogier van der Weydens „Dame mit Haube“ aus dem 15. Jahrhundert bietet mit Würsten als Gesicht einen provozierenden, nicht gerade sehr appetitlichen Anblick.

Wundsam „verwurstet“ die Kunst, macht aus schönen Porträts eigentümliche Wurst-“Schönheiten“. Was fasziniert ihn so daran? Ihm geht es um das Thema individuelle Wahrnehmung, um das genaue Hinsehen, um verwirrende Assoziationen, um einen Rollenwechsel von Kunst und Werbung. Es sind Bilder aus Werbeprospekten, die er für seine Collagen und digitalen Fotobearbeitungen verwendet, geschnitten und geklebt hat. Dabei setzt er alles ein, was es an Wurst(reklame) gibt: Weißwurst, Blutwurst, Leberwurst, Schweinsnackenstücke, die durch die Verfremdung eine andere Aussage bekommen.

Wenn man auf das Motiv Fleisch in der Kunst zurückschaut, sieht man, dass dieses Thema die Maler nicht losgelassen hat. Das reicht von Rembrandts „Geschlachtetem Ochsen“ (1655), der im Pariser Louvre hängt, über Kadavergemälde von Delacroix bis Soutine und Bacon. Sie alle haben Fleischstücke, Tierhälften gemalt, detailgenau, naturalistisch, mit Akribie: eine richtige Fleisch-Beschau in der Kunstgeschichte.

Wenn Martin Wundsam, der in Lörrach ein Büro für visuelle Kommunikation hat, aber nicht in der Werbebranche tätig ist, nun Leberwurst oder Fleischstücke in die Bilder hineinversetzt oder auch mal einen Fisch in den Bildmittelpunkt rückt, verändert er den Charakter des Bildes. Es ist ein Vexierspiel mit Ironie und tieferer Bedeutung.

Spiel mit der Verfremdung

Dieses Spiel mit der Verfremdung und mit Zitaten aus der Kunstgeschichte treibt Wundsam weiter bis in die Architektur. Bei einer Dürer-Landschaft legen sich zwei aufgeschnittene Würste monströs um eine Mühle und in Böcklins „Toteninsel“ ragt plötzlich eine Wurst hinein.

Schon immer bauten Künstler häufig Bizarres, Groteskes und Surreales in ihre Arbeiten ein. Der Grafiker Wundsam bewegt sich an der Schnittstelle von Kunst und Reklame. Er erzählt Geschichten, entlarvt die Werbung und Marketingtricks, arbeitet zu allem Fleischmaterial und Gehacktem auch etwas die Fleischeslust mit hinein, zeigt sie aber nicht so vordergründig. Zudem baut er skurrile Werbesprüche („Wie viel Weihnachten darf es sein?“) und Texte aus Katalogen und Prospekten ein, bricht damit die Bildvorlagen auf und demonstriert, wie man mit Kleinigkeiten ganz andere Emotionen wecken kann.

Es gibt aber auch Bilder ganz ohne Fleisch. Zum Beispiel die Raffael-Madonna, der Wundsam zwei Jesuskinder in den Arm legt, oder „Judith und Holofernes“ nach Christofano Allori, bei der Judith eine Plastiktüte hochhält statt des abgeschlagenen Kopfes. Auch in einer Serie, in der er sich auf die Holzschnitte des Biedermeier-Malers Ludwig Richter bezieht, kontrastiert Martin Wundsam die Illustrationen mit der heutigen Werbewelt. So fordert er eine andere Sichtweise auf scheinbar Vertrautes heraus: eine Schule des Sehens.

< Bis 14. November, Mittwoch 14 bis 17 Uhr, Samstag 10 bis 17 Uhr, Sonntag 11 bis 17 Uhr

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