Schopfheim Demente schreiben Drehbuch selbst

Gerald Nill

Schopfheim - Hauptdarstellerin Vreni Herlan fügt sich keinem Drehbuch. Als es mit dem Kamerateam nach draußen vor das Georg-Reinhardt-Haus gehen soll, streikt die 83-Jährige, weil es ihr zu kalt ist, und sie macht kehrt. Die Seniorin ist dement – und das ist auch das Thema des Films.

Vreni Herlans Tochter Sonja Traxel aus Maulburg engagiert sich stark für die Erkrankten und hat bereits vor einem Jahr den Kontakt zum Kamerateam von Maywood Media geknüpft.

„Der positive Tenor des Filmteams aus Magdeburg hat mich überzeugt“, berichtete die 47-Jährige, die über Instagram auf die Anfrage der Filmer aufmerksam wurde und die Geschichte ihrer Mutter zum filmischen Thema machte.

„Meine Mutter war schon immer ein sehr offener Mensch und liebte die Gesellschaft“, begründet Sonja Traxel ihren Schritt in die Öffentlichkeit. Sie selbst hat den Wunsch, die Demenz aus der Tabuzone zu holen.

„Ich möchte, dass das Thema mehr zur Sprache kommt, denn die Angehörigen sind nicht vernetzt“, sagt Traxel. Und die Angehörigen seien mit der schwierigen Situation im Umgang mit Demenzkranken oft überfordert. „Dabei gibt es hier viele Angebote, Stellen und Informationen, wo Angehörige kompetente Hilfe holen können,“ weiß sie zu berichten.

Bei dieser Aufklärungsarbeit will Sonja Traxel helfen. Die Maulburgerin hat selbst Psychologiekurse besucht, ist als Referentin bei der Alzheimer-Gesellschaft gelistet und inzwischen tief in die Materie eingestiegen. In Seminaren, unter anderem für die Sozialstation, gibt sie ihre Erfahrungen weiter.

Und dennoch: Der Drehtag im Georg-Reinhardt-Haus hat sie geschlaucht. Die demente Mutter ist unberechenbar und erfordert alle Geduld von Angehörigen und natürlich auch vom Filmteam. Die Selbstkontrolle ist bei Demenzkranken weg. „Sie sind völlig enthemmt, und wie sie auf andere wirken, ist ihnen egal“, weiß Traxel.

Aber das Filmteam ist geduldig und einfühlsam. Die beiden wollen zum zweiten Mal mit Vreni Herlan drehen, um ein stimmiges Werk über Demenz für einen öffentlich-rechtlichen Sender abzuliefern und mit dem Beitrag außerdem an einem Filmfestival teilzunehmen.

Was Demenz für die Angehörigen bedeutet, interessiert Roxana Hennig besonders. Sonja Traxel ist begeistert, wie „unheimlich gut die Regisseurin organisiert und strukturiert“. Situativ erkenne sie den Moment: „Jetzt Kamera an!“, heißt es plötzlich.

Demente schreiben ihr Drehbuch selbst, das Filmteam muss parieren. Das Team aus Magdeburg interessiert, wie die Angehörigen mit der Herausforderung der Krankheit klar kommen. Nach dem Drehtag sagt Roxana Hennig denn auch: „Es berührt mitzukriegen, welche Aufs und Abs die Angehörigen der Dementen jeden Tag miterleben.“

Sonja Traxel ist dem Seniorenheim des Evangelischen Sozialwerks Wiesental dankbar, dass es die Dreharbeiten unter bestimmten Auflagen zu Corona und zum Datenschutz ermöglicht hat. Geschäftsführer Martin Mybes unterstütze das Anliegen, Demenz aus der Tabuzone zu holen.

Traxel erinnert daran, wie die Mutter vor sechs Jahren ihr Gedächtnis verlor. Erst war es das Rezept, das die Mutter nicht mehr kannte, dann gelang das Kopfrechnen beim Kassieren am Seniorennachmittag auch nicht mehr. Nach einer Hirnblutung war die Mutter nicht mehr dieselbe. Es mag hart klingen, wenn Sonja Traxel sagt: „Der Mensch geht, aber der Körper bleibt.“ Die Erkrankte sei nicht mehr ihre „Mama“, sondern sie nenne sie jetzt „Mutti“.

Die ersten Filmaufnahmen vor einem Jahr und die jüngsten werden zusammengeschnitten und im Frühjahr in einem öffentlich-rechtlichen Sender ausgestrahlt.

Sonja Traxel baut ihre Gesprächskreise und Angehörigen-Zirkel aus, um auf bestehende Hilfsangebote aufmerksam zu machen. Drei Vorträge über Demenz seien sehr gut angekommen und ausgebucht gewesen.

„Die Leute vertrauen mir, weil ich selbst betroffen bin“, sagt Traxel. Sie kann ausdrücklich kontaktiert werden per E-Mail an: info@frida-seminar.de. Auf Wunsch gibt sie Interessierten dann auch den Sendetermin des Films über ihre erkrankte Mutter bekannt.

Die Weltgesundheitsorganisation WHO warnt davor, dass die Zahl der Demenzkranken in den kommenden zehn Jahren weltweit rasant zunehmen wird.

Hauptgründe sind die steigende Lebenserwartung und die wachsende Bevölkerung. Laut einer Gesundheitsstudie könnte sich die Zahl der Demenzkranken in den kommenden drei Jahrzehnten verdreifachen.

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