Schopfheim „Der Piks hat Konsequenzen“

Impfen gegen Corona oder nicht? Für viele keine leichte Entscheidung. Foto: Symbolfoto: dpa/Nicolas Armer

Schopfheim - Für viele ist der Piks ein willkommener Klacks. Für andere gefährlicher Mumpitz. Beim Streit um Fluch oder Segen der Corona-Impfung stehen sich zwei Lager gegenüber – dazwischen gibt es aber noch jene, die zweifeln und hadern, Pro und Kontra abwägen und sich mit der Entscheidung für oder gegen die Spritze sehr schwer tun.

Davon kann auch ein Schopfheimer Pädagoge, der ungenannt bleiben will (Name der Redaktion bekannt), ein Lied singen, der sich nach langem inneren Kampf schließlich doch zur Impfung durchgerungen hat – und mit sich jetzt ziemlich im Reinen ist.

„Es ist gut, entschieden zu haben“, seufzt der 59-Jährige erleichtert, der das ständige Hinterfragen als „Energiefresser“ erlebt hat. Bis es so weit war, musste er indes drei Phasen durchmachen.

Die erste begann, alsdie Impfstoffe auf den Markt kamen. Da habe für ihn ein uneigennütziger Gedanke im Vordergrund gestanden: „Ich verzichte auf die Impfung zugunsten der Menschen in den armen Ländern dieser Erde, die das dringender brauchen als ich.“

Hinzu kamen grundsätzliche Bedenken. „Seit wann“, fragte er sich beispielsweise, „kümmert sich der Staat um unsere Gesundheit?“ Derselbe Staat, der sich gegen Tempolimits sträube und jährlich Tausende von Verkehrstoten in Kauf nehme und der an Alkohol- und Tabakwerbung (Steuer-) Geld verdiene.

„Das machte mich stutzig“, erinnert sich der 59-Jährige, der sich als „positiver Querdenker“ im herkömmlichen Sinne bezeichnet – und mit Verschwörungstheoretikern oder gar Neonazis rein gar nix am Hut hat.

Ihm leuchtete beispielsweise nicht ein, weshalb Corona auf einmal so wichtig war, und er vermisste, dass es in der aufgeheizten Debatte auf „viele berechtigte Fragen“ keine Antworten gab.

So hätte man seiner Meinung nach die Zahl der Intensivbetten mal genauer klären sollen. Außerdem hätten Regierung und RKI viel zu lange den Eindruck erweckt, Impfung schütze komplett vor Ansteckung und Erkrankung. Erst viel später habe es geheißen, Impfen senke lediglich die Viruslast, schütze somit vor schwerem Krankheitsverlauf und vermindere die Ansteckungsgefahr. Natürlich sei vieles der anfänglichen Unkenntnis geschuldet, weil man schlicht zu wenig über das Virus wusste. „Trotzdem fehlt mir bis heute eine ehrliche Bilanz und eine Entschuldigung“, ärgert sich der Pädagoge.

Dennoch: Phase zwei begann, als der Impf-Zögerer bestätigt bekam, dass er zu einer priorisierten Gruppe zählt. Da tauchte der Gedanke auf, sich vorsichtshalber doch impfen zu lassen, „um meine Klasse zu schützen“. Der Lehrer bekam vom Hausarzt zwei Terminvorschläge, die für ihn allerdings nicht in Frage kamen. Ausweichtermine? „Keine Chance“, betont er.

Abgesehen davon sei er bezüglich der Impfthematik noch immer „hochschwankend“ gewesen, räumt er ein. Auf der einen Seite fuchste ihn das viel zu komplizierte und „typisch deutsche“ Prozedere bei der Terminvergabe. Auf der anderen Seite hatte er als einer, der schon öfter als Entwicklungshelfer in fernen Ländern arbeitete, nie Probleme, sich anstandslos gegen Typhus und Hepatitis impfen zu lassen – und zwar „die ganze Palette“. Im Unterschied zu Corona sei ihm bei diesen Krankheiten das „extreme Risiko“ allerdings einsichtig erschienen.

Wie auch immer: Phase drei begann für den Pädagogen mit einem „Erlebnis“. Er stellte sich die hypothetische Frage, wie es wohl wäre, wenn er als ungeimpfter Corona-Patient einem Arzt auf der Intensivstation in die Augen blicken müsste. Ihn bedrückte außerdem der Gedanke, dass von ihm eine Ansteckungsgefahr für andere ausgehen könnte, nicht zuletzt für seine Schüler. „Ans Herz“ gingen ihm zudem Reportagen von Impfverweigerern, die in den USA auf dem Sterbebett liegen.

Das brachte das Fass zum Überlaufen. Der 59-Jährige besorgte sich einen Termin bei einer mobilen Impfaktion und ließ sich das Präparat von Johnson & Johnson injizieren. Erstens, weil es ein „klassischer Impfstoff“ ist und nur eine Dosis reicht. Und zweitens, weil der volle Impfschutz schon nach 14 Tagen eintritt – gerade noch rechtzeitig vor Schulbeginn. „Das war für mich ein entscheidender Aspekt“, so der Lehrer. Trotz alledem ist ihm bewusst: „Der Piks hat Konsequenzen“.

Denn in seinen Augen hat er mit dem Schritt – vor allem aus Sicht seines privaten und sozialen Umfelds – ein Stück weit „das Lager gewechselt“. Nicht einmal er selbst kann sich von diesem Gedanken ganz frei machen. „Ich fühle mich ein bisschen wie ein Verräter“, gesteht er – und fügt, wie als Beleg für seine innere Zerrissenheit, sofort hinzu: „Ich bereue es aber nicht“.

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