Schopfheim Der Zeit den Spiegel vorhalten

Markgräfler Tagblatt, 11.10.2018 07:36 Uhr

Gerit Koglin weist in seiner Schau im Kunstverein auf das absurde Theaterstück „Warten auf Godot“ hin. Drei Leute warten auf jemanden, der nicht kommt.

Von Jürgen Scharf

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Schopfheim . Warten, sagt der Künstler, habe auch immer etwas mit Erwartung zu tun. Beim Warten entsteht Spannung, und Koglin „spielt“ in seinem interaktiven Malprojekt mit der Erwartungshaltung der Besucher im Museum.

In diesem Fall ist es sicher „freudige“ Erwartung, denn die Zeitspanne wird mit Fotografieren überbrückt. In dieser Ausstellung mit dem bezeichnenden Titel „Warte, warte, warte“ läuft eine kleine Video-Show aus Standbildern in der Art einer Stop Motion-Installation. Drei Mal hat Koglin das schon während seiner Berliner Zeit gemacht. 27 Jahre hat er in der Hauptstadt gelebt, seit vier Jahren wohnt er in Zell, wo seine Frau herstammt, aber eigentlich kommt er aus Rostock. Während der Öffnungszeiten fotografiert er, gemalt wird außerhalb dieser Zeiten.

Koglin sitzt hinter der Kamera und fotografiert während der Ausstellung Leute, die sich in die offene Box begeben, eine Art Guckkasten. Man kann dort sitzen, stehen, liegen, sich bewegen, posieren, wie man will, allein, zu zweit, als Gruppe. Es ist immer wieder ein Experiment, ein Stück weit zu warten, was passiert. Später wird ein ganzes Gruppenbild anhand dieser Fotoporträts gemalt. Und wer würde nicht gerne einmal gemalt werden?

Man muss unwillkürlich an Rembrandts „Nachtwache“ denken, jenes gigantische Gruppenbild. Ein Schachbrettmuster erinnert bei Koglin an Möglichkeiten des Standpunkts und Sitzgelegenheiten. Aber diese zentrale Malperformance ist nur die eine Seite dieser zeitgemäßen Werkschau. Drumherum stellt der Maler Bilder aus 15 Jahren aus, die dazu passen, im weitesten Sinn zum Thema „Warten“.

Koglin erzählt Geschichten, ob in „Swimmingpool“, „Flossenfrau“, „Frau mit Gerte“, „Freier Blick nach Norden“ (ein Trümmerfeld) oder „Schlagbäume“. Aber er verabschiedet sich an einem gewissen Punkt gern wieder von der Geschichte. Eigentlich sind die Bilder zeitkritisch. Es ist politische Kunst. Koglin ist der Ansicht, dass in der Kunst heutzutage zu wenig Haltung und Statements gezeigt werden. Dabei ist Kunst doch ein Spiegel der Zeit, um die Dinge zu betrachten.

Etwa gestrandete Boote vor Lampedusa. Das Bild heißt zwar „Busstation“, aber es sind Boote am Strand dahinter zu sehen. Koglins Bilder bewegen sich zwischen (hyper-)realistisch, surrealistisch und absurd. Da geht eine Treppe ins Nirgendwo, ist ein Fehler am Bau, ein Durchblick zum Himmel, da steht eine Frau angezogen im Kleid mit Taucherbrille und Flossen am Schwimmbeckenrand, oder da sitzt ein biederer Rentner mit Stock und Kappe im Pool bei einer Frau mit Badekappe.

Maltechnisch wichtig sind Linien und Farben, Perspektiven und Haltungen, die den Maler faszinieren und um die herum er das Bild baut. Dabei arbeitet Koglin mit Gegensätzen, bringt Malerisches und Grafisches zusammen, mixt verschiedene Motive, die auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun haben und stellt Zusammenhänge her, gelegentlich auf verquere Weise – erst hinterher kommt eine Bildaussage heraus, sieht man, dass das Bild funktioniert. Das ist kontrastreich und oft irritierend, zeigt aber auch, dass die Malerei das einzige Medium ist, bei dem alles gleichzeitig passieren kann!

 
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