Schopfheim Dichtern und Denkern auf der Spur

Er war ein liberal denkender Demokrat und 48er-Revolutionär, der sich dem Gedanken der Badischen Revolution verbunden fühlte und 1864 die erste Tageszeitung in Schopfheim gründete, den „Statthalter“: Johann Georg Uehlin.

Von Jürgen Scharf

Schopfheim . Bei ihrer „Literarischen Stadtführung“ macht Ulla K. Schmid auch Halt auf dem Marktplatz gegenüber den Uehlin-Häusern, dem Stammhaus des „Markgräfler Tagblatts“.

Bekanntlich sind die Uehlin-Häuser schon längere Zeit in den Schlagzeilen. Den 200 Jahre alten Gebäuden, von denen eines unter Denkmalschutz steht, droht die Abrissbirne. Anfangs hat der Verleger, Redakteur, Druckereibesitzer und Dichter Johann Georg Uehlin darin gewohnt.

Uehlin sei zwar kein großer Dichter gewesen, so Museumsleiterin Ulla K. Schmid, aber er habe das Fühlen und Denken der Schopfheimer wiedergegeben. In Gedichten, die Uehlin in seiner Tageszeitung veröffentlichte, habe sich die Geselligkeitskultur des Bürgertums gespiegelt.

Die achtköpfige Gruppe, die an diesem warmen Samstagnachmittag im Schatten auf Bänken Platz nimmt und hinüber sieht auf das Uehlin-Areal, hört interessiert zu, als die Stadtführerin aus Uehlins Bändchen „Aus dem Wiesental“ liest. Für manche dürfte es eine Neuigkeit sein, dass der Verleger auch der Erbauer des Kurhauses auf der Schweigmatt war. Als Dichter schrieb er sowohl auf alemannisch als auch auf hochdeutsch.

Gerade für die heutigen Leser der Heimatzeitung dürfte von Interesse sein, dass alle Bände des „Markgräfler Tagblatts“ - mit ganz wenigen Lücken - im Stadtarchiv existieren.

Uehlins Leitstern war Johann Peter Hebel – und dieser ist eine der nächsten Stationen bei dieser eineinhalbstündigen Stadtführung von Ulla Schmid. Sie stellt dabei Literaten vor, die in Schopfheim geboren sind, hier gelebt oder über Schopfheim geschrieben haben oder die selber Gegenstand einer Dichtung sind.

In einer Seitengasse der Altstadt steht die alte Lateinschule, die Keimzelle des heutigen Gymnasiums. Ihr berühmtester Schüler war Johann Peter Hebel. Immerhin. Hat doch Schopfheim – anders als der Hebelort Hausen – keine Haarlocke, keinen Spazierstock, keine Briefdokumente des Dichters; aber die Markgrafenstadt ist gut in Hebels Dichtung verewigt.

Hebel schrieb „Weltliteratur in alemannischer Mundart“, so Schmid. Und, muss man dazu sagen, er vermittelte elementare Grundwahrheiten und Lebensregeln für einfache Menschen. Die Gruppe ist an dieser Station, wo auch eine Gedenktafel eingelassen ist, beeindruckt.

Eine Gedenktafel ist auch an dem nicht original erhaltenen Gebäude in der Hauptstraße angebracht, in dem der Arzt, Dichter, Schriftsteller, Philosoph und Kunsthistoriker Max Picard als Sohn jüdischer Eltern aufwuchs. In seinem Buch „Das alte Haus in Schopfheim“ beschreibt der Hebelpreisträger sein Geburts- und Elternhaus als düster.

An allen Gedenkstellen trägt Ulla K. Schmid Auszüge aus den Büchern der jeweiligen Literaten vor; hier bei Picard eine Passage über die Wendeltreppe aus Sandstein, ein grandioses sprachliches Bild: „Es war, als hätte die Treppe ein Stück Nacht aus dem Keller heraufgeschleppt.“

Vor der Johann-Peter-Hebel Schule erinnert Schmid daran, dass sowohl Picard als auch der engagierte Priester, Pazifist und Widerstandskämpfer Max Josef Metzger hier zur Schule gingen. Der 1944 von den Nazis hingerichtete Priester-Dichter Metzger schrieb in der Haft eindrückliche Gedichte und Briefe.

Bei dieser jüngsten Führung interessieren sich Teilnehmer nicht nur für die Literaten, sondern haben auch Fragen zur Stadtgeschichte, den Roggenbachs, zur Stadtmauer, den Stadttoren und dem Diebsturm - worauf Ulla K. Schmid auf ihre Mittelalter-Führung hinweist, die sie am heutigen Mittwoch unternimmt.

Ins Mittelalter geht es aber auch bei der literarischen Führung einmal zurück, nämlich zur Familie Höcklin, die neben der Alten Kirche St. Michael wohnte. Ein spätmittelalterliches Hochzeitsgedicht anno 1576 für Barbara Höcklin – sie war die Tochter des Erbauers des ersten Schützenhauses in Schopfheim - ist erhalten. Leider nur auf Lateinisch, aber was davon übersetzt ist, sind Merkmale über die Braut, die „gesittet, strahlend, züchtig, treu, ehrenhaft, haushälterisch und fromm“ sein soll – eine Idealperson.

1000 Strophen hat dieses Gedicht, das publiziert ist, in Basel im Original vorliegt, und einmal schon im Museum als Leihgabe zu sehen war. Das Museum ist dann die letzte Station, bei der die Gruppe verweilt. Dieses Haus war früher das Arbeiterwohnhaus der Schuhfabrik Krafft, in der der Fahrnauer Arbeiterdichter Johann Thoma 20 Jahre lang arbeitete. Der Sohn einer Dienstmagd und gelernte Schuster ist mit seiner Gelegenheitsdichtung, seinen Festgedichten eine wertvolle Quelle für die Zeit des Kaiserreichs und für das Vereinsleben im Wiesental.

Thomas Leitbild war der mittelalterliche Schuster Hans Sachs, den er „mein Herr Kollege“ nannte. Aber das ist bei weitem nicht alles, was man bei dieser literarischen Führung erfährt, die ein Füllhorn sozialgeschichtlichen Lebens in Schopfheim ist.

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