Schopfheim Düstere Prophetie vom Weltende

Wernfried Hübschmann (Rezitation), Tochter Laura und Sohn Vincent (Gesang) gestalteten in St. Agathe eine Lesung mit Musik. Foto: Jürgen Scharf Foto: Markgräfler Tagblatt

Am Schluss des Abends, der letzten Veranstaltung zum 100-jährigen Bestehen der Volkshochschule, wird Wernfried Hübschmann in St. Agathe richtig politisch. „Wir werden viele Greta Thunbergs brauchen, um den Klimawandel zu stoppen“, meint er.

Von Jürgen Scharf

Schopfheim . Zuvor hat sich Hübschmann noch mit Robotern und künstlicher Intelligenz auseinandergesetzt, der „neuen Menschheitsdämmerung“.

Bei dieser Lesung mit Musik ging es um die berühmte gleichnamige Anthologie, die Epoche machen sollte und den lyrischen Expressionismus mitbegründete.

In dieser „Menschheitsdämmerung“ hat Kurt Pinthus 1919 die Stimmen der „verlorenen Generation“ zu Wort kommen lassen. Die Kapitel sind überschrieben mit „Sturz und Schrei“, „Erweckung des Herzens“, „Aufruf und Empörung“.

„Ein Jahrzehnt wird besichtigt“, war der literarisch klingende und passende Untertitel dieser Rezitation mit Gesang und Klavier in Kooperation mit der Musikschule Mittleres Wiesental.

Was dämmert uns heute, 100 Jahre nach der „Menschheitsdämmerung“, fragte Hübschmann, und trug ausgewählte Gedichte und Texte des Expressionismus vor. Ist unsere Zeit eine Abend- oder Morgendämmerung? Wie ist die Lage nach 75 Jahren Friedensperiode?

Anhand der düsteren Prophetie eines Georg Heym und den Gedichten eines Ernst Stadler, beides Wegbereiter der expressionistischen Lyrik und dichterisch die stärksten Stimmen jener Generation, spulte Hübschmann die Zeit von 1919 zurück zu 1909, dem Geburtstag seines Vaters, dem er viel zu verdanken habe und dem er das Programm widmete.

Dass es fast ein Familienabend wurde, dafür sorgten die beiden Kinder Hübschmanns, die 18-jährige Laura und der 16-jährige Vincent - von Thomas Klein einfühlsam und aufmerksam am Klavier begleitet –, die Sololieder und reizende Duette von Johannes Brahms sangen. Die beiden sind Schüler von Jacqueline Forster, die auch die Einstudierung der Lieder vornahm.

Die berückenden und aufblühenden Gesänge wie das Wiegenlied oder das Duett „Schwesterlein“ waren ein bewusster positiver Kontrast zu der schrillen Menschheitsdämmerung mit dem „Weltende“-Gedicht eines Jakob van Hoddis, der „Kleinen Aster“ von Gottfried Benn, jenem Blick in ein Pariser Leichenschauhaus, oder der Blut- und Boden-Literatur eines Johannes R. Becher („Auferstanden aus Ruinen“).

An diesem Abend wurde also wirklich eine ganze Epoche besichtigt, und man erfuhr, was in dem Jahr, in dem die ersten Volkshochschulen und auch die erste Waldorfschule (in Stuttgart) gegründet wurden, geschehen ist. Mit dieser Zeitchronik aus Fakten und Daten in Kombination mit dem lyrischen Orchester der Zeit hat Wernfried Hübschmann den historischen Fächer weit geöffnet. „Mensch, werde wesentlich!“ setzte er als Motto über diesen speziellen Abend, der den Besuchern einiges zum Nachdenken mitgab. Aber die Zuhörer wurden nicht nur mit schweren Gedichten überfrachtet, sondern auch mit Humorvollem von Morgenstern zum Schmunzeln gebracht.

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