Von Jürgen Scharf

Schopfheim-Fahrnau. Das zweite Stiftungskonzert bei „Klassik im Krafft-Areal“, der Duoabend von Andrej Bielow und Andrea Kauten, setzt die Meßlatte hoch und wird in dieser Konzertreihe nur schwer zu toppen sein. Schon vom Programm her war es gewaltig: die letzten Dinge, die letzten Worte, die letzten Sonaten von Beethoven, Debussy und Brahms. Gespielt von einem Geiger, der weiß, was er will.

Ein großartiger Abend schon gleich zu Beginn mit Beethovens letzter, der zehnten Violinsonate; im Finalsatz angespielt gegen den einsetzenden Starkregen und Gewitterdonner, der mächtig in der Fahrnauer Tonhalle widerhallt. Diesem Naturereignis setzt der ukrainische Geiger Andrej Bielow – er ist Primarius des Szymanowski-Quartett und bildet mit Kit Armstrong und Adrian Brendel ein festes Klaviertrio – im Violinpart eine sprechende Artikulation entgegen. Man spürt den Aussagewillen des Geigers.

Spielend widerlegt Bielow das oft zitierte Vorurteil, dass Beethovens Violinsonaten geigerisch undankbar und unbequem seien. Nicht, wenn er sie spielt! Da er sie so souverän vorführt, mit Kauten in vollendetem Gleichklang, gehört Beethoven zu den besten Leistungen des Abends. Und doch: Ganz grandios gelingt dem Duo auch Claude Debussys Vermächtnis, die g-Moll-Violinsonate. Bielow ist ein Mann der Klarheit, aber auch der Zwischenfarben, so wird die Poesie Debussys ohrenfällig. Da er dieses wunderbare Stück, das sonst gerne mit verfließenden Farben und Linien impressionistisch verunklart wird, mit französischer „Clarté“ aus den Saiten holt, ergibt sich ein völlig anderes Bild. Welch eine Intensität hat die Melodie im zweiten Satz!

Mit nicht nachlassender Energie tritt Bielow nach der Pause in Bachs berühmter d-Moll-Chaconne aus der zweiten Solo-Partita vor sein begeistertes Publikum. Imponierend, wie er mit Herz, viel Elan und phänomenaler Bogentechnik spielt. Dieser Bach hat gestische Größe, Wärme, Stilempfinden, Ausdruckstiefe, klangfarbliche Nuancen und klar verdeutlichte Strukturen. Schlicht grandios, eine geigerische Meisterleistung, das muss an dieser Stelle einmal gesagt werden.

Die große Violinsonate von Brahms in d-Moll op.108, seine dritte und letzte, lebt in den schnellen Sätzen von antreibenden Impulsen und viel Energie. Wiederum zeigt Bielow eine beeindruckende Spieltechnik der Geige, im Adagio seinen kantablen, vollen, warmen Geigenton, und im finalen Presto agitato legt er eine geigerische Emphase an den Tag, die höchst virtuos ist.

Andrej und Andrea – nicht nur die Vornamen sind fast deckungsgleich; auch die musikalischen Vorstellungen und Herangehensweise des temperamentvollen Geigers passen gut zur souveränen Anschlagskultur der Pianistin. So kann Bielow eine mithin ideale künstlerische Partnerschaft von seltener Ausgeglichenheit mit Kauten eingehen.

Besonders erwähnenswert in der ausgezeichneten Klavierbegleitung ist die Synthese von Anpassung und Mitgestaltung. Zu guter Letzt ergibt sich trotz weit geöffnetem Klavierdeckel noch eine optimale Abstimmung in der Klangbalance. Also eine Sternstunde in mehrfacher Hinsicht!