Schopfheim Ein Spiel voller Adel und Noblesse

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Auch an der Videokamera hat Kirchenmusikdirektor Christoph Bogon inzwischen einige Erfahrung. Foto: Jürgen Scharf

Schopfheim (js). Auch dieses Jahr fand das Silvesterkonzert in der Stadtkirche nicht live statt. Es ist wie im Jahr zuvor als Aufzeichnung auf dem Youtube-Kanal „Kirchenmusik in Schopfheim“ zu sehen und zu hören.

Zwar blieb pandemiebedingt auch bei diesem Jahreswechsel die Kirche leer, aber das Publikum musste nicht ganz auf festliche und besinnliche Klänge verzichten und konnte diese zu Hause online abrufen. Mit einer Live-Atmosphäre in der Kirche ist das natürlich nicht zu vergleichen, was Stimmung und Aura betrifft, dafür hat eine solche Film- und Tonaufzeichnung andere Qualitäten.

Man sieht den Interpreten einmal ganz nah, was sonst wegen der Distanz nicht möglich ist, kann ihm quasi „auf die Finger schauen“ und, was bei Organisten auch dazukommt, die Pedalarbeit betrachten.

Musikalisches Erlebnis

Gleich zu Beginn der Aufzeichnung sieht man die Pedale der Schuke-Orgel in Großaufnahme und die schwarzen Schuhe des Spielers, die sich über die Pedale in sparsamer, aber sehr präziser Beinarbeit bewegen. Die Videokamera zoomt auch mal die Hände auf den Manualen näher heran, und es fallen Bogons minimale Bewegungen der Finger auf. Diese ruhige Haltung passt zu den zwei Versen von Heinrich Scheidemann, denen das berühmte Präludium und Fuge C-Dur sowie zwei Choralvorspiele aus dem Orgelbüchlein von Bach folgen.

Alles wieder sehr konzentriert in Gestik und Registrierung. Man merkt, der Schopfheimer Kirchenmusikdirektor und Bezirkskantor, der aus Kassel kommt, ist bei seinem Orgelspiel ganz norddeutsch orientiert; man spürt eine zurückgenommene Artikulation, nichts Ablenkendes vom Stimmverlauf, keine überflüssigen Verzierungen, alles ist genau kalkuliert und artikuliert.

Auch Bachs schönes „Jesus bleibet meine Freude“ spielt er ebenmäßig und fließend in den Triolen.

Akkuratesse, Distinguiertheit und Präzision zeichnen Bogons Spiel aus; es ist voller Adel und Noblesse. Der Organist neigt etwas zum Legatospielen und so ist auch diese gute halbe Stunde Orgelmusik ein musikalisches Erlebnis von kontrollierter Emotion.

Weiterhin abrufbar

Ab und an gibt es einen Schwenk in den Kirchenraum, auf den imposanten Prospekt der Schuke-Orgel mit den Pfeifen, den Christbaum und die mit vielen Lichtern beleuchtete Krippe. Meist ist der Blick der beiden Videokameras, die Bogon selber bedient, auf den Spieler an den beiden Kirchenorgeln gerichtet. Denn für das eher romantische Repertoire wechselt Bogon auf die spätromantisch disponierte Emporenorgel, wo er in dem Pax Vobiscum von Henry Elliot Button das Melancholische, Sehnsuchtsvolle und Viktorianische der typisch englischen Orgelmusik, die hier diskret moduliert, hörbar macht.

Reizvoll sind auch die vier Stücke aus der Sammlung „L’Organiste“ von César Franck, die einen Vorgeschmack auf den 200. Geburtstag des Komponisten geben. Darunter einfache, ländliche Musik, schöne pastorale Hirtenmusik im französischen Stil der „Bergerès“ und „Noëls“, der alten Weihnachtslieder, bei denen der Interpret die Farben durch den Einsatz des Schwellwerks steuert. Ähnlich wie in der „Reverie“ (Träumerei) des Engländers Herbert Botting, die unter Bogons Händen einen ruhigen gottesdienstähnlichen Charakter erhält.

Mit Absicht hat der Kirchenmusiker kürzere Stücke ausgewählt und auf den üblichen „Rausschmeißer“, die populäre Widor-Toccata, verzichtet. Dafür zog er doch alle Register für das Tuttispiel in dem Postlude von William Faulkes, das einen positiven Ausklang des alten und einen hoffnungsvollen Einstieg ins neue Jahr bot.

Wer dieses digitale „Meet the Queen“ an Silvester verpasst hat, kann es auf dem Youtube-Kanal von „Kirchenmusik in Schopfheim“ weiterhin abrufen.

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