Schopfheim Eine veritable Entdeckung

Der Warschauer Organist Michal Markuszewski brachte zum Orgelsommer ein Programm mit, das sein Heimatland Polen musikalisch beleuchtete. Foto: Jürgen Scharf Foto: Markgräfler Tagblatt

Einmal nicht die gängigen Orgelhits von Bach bis Widor, sondern eine veritable Entdeckung: Das war das zweite Meisterkonzert am Donnerstag in der Stadtkirche beim Schopfheimer Orgelsommer.

Von Jürgen Scharf

Der Warschauer Organist Michal Markuszewski gestaltete ein interessantes Länderporträt mit Musik seines Heimatlandes. Man hörte einmal Orgelmusik, die man eigentlich nicht kennt, ein Blick in die polnische Spätromantik. Drei Namen auf dem Programmzettel waren ein wichtiger Beitrag zur polnischen Orgelkultur.

Markuszewski, der wie seine komponierenden Landsleute in Berlin studiert hat und perfekt deutsch spricht, erklärte dem Publikum, dass viele polnische Komponisten in dieser Generation romantische Musik geschrieben haben; zudem wurden im 19. Jahrhundert zahlreiche romantische Instrumente in Polen gebaut. In der Kirche, wo der 1980 geborene Markuszewski als Organist tätig ist, steht eine romantische Orgel aus Schlesien („die schönste und wertvollste Orgel in Warschau“).

Dass der Konzertorganist in Schopfheim gleich zwei Orgeln zur Verfügung hatte, darunter die klangschön romantisch disponierte Emporenorgel, gab ihm eine wunderbare Möglichkeit, vielfältige Registerfarben vorzuführen. Ein schöner Einfall war es, an der Schuke-Orgel mit einer eigenen, meisterhaften Improvisation im Barockstil (Präludium und Fuge) zu beginnen, also einem Werk „im Stil von...“ und dieses den Hörerfahrungen des 21. Jahrhunderts auszusetzen.

In zwei weiteren, wunderbar einfühlsam vorgetragenen kantablen Improvisationen zeigte er sich als Könner mit guten Klangvorstellungen. Für diese Eigenimprovisationen, aber ebenso für die polnische romantische Musik, war die Voit-Orgel hervorragend geeignet. So hörte man erfreulich gelungene Kurzporträts dieser Orgeltradition.

Angefangen bei dem deutsch-polnischen Komponisten August Freyer (1801-1883). Der gebürtige Sachse in Warschau, einer der ersten europäischen Orgelvirtuosen, war mit Chopin freundschaftlich verbunden.

Begeistern konnte man sich über die Musik von Feliks Nowowiejski (1877-1946), einem Schüler von Max Bruch in Berlin, der im Ersten Weltkrieg Militärkapellmeister im Deutschen Kaiserreich war und mit einem erfolgreichen Oratorium („Quo vadis“) als der „neue Messias des Oratoriums“ gefeiert wurde. Die Ende der 1920er Jahre komponierten neun Orgelsinfonien bezeichnete Nowowiejski als sein musikalisches Testament.

Wertvoll auch die Begegnung mit Mieczyslaw Surzynski (1866-1924), der in Berlin und Leipzig studierte und Organist an der ältesten Warschauer Kirche, der Johanneskathedrale, war, deren Orgel im Krieg zerstört wurde.

Von ihnen interpretierte der Gastorganist bedeutende Werke, gleichsam aus erster Hand. Von Freyer volksliedhaft verwurzelte Konzertvariationen über ein russisches Lied, von Nowowiejeski ein spätromantisch aufbrausendes „Preludio festivo“ aus der zweiter Orgelsinfonie in interessanter harmonischer Sprache und von Surzynski dessen bekanntestes romantisches Orgelwerk, eine Variationenfolge über das polnische Lied „Heiliger Gott“.

In allen drei Werken zeigte sich Michal Markuszewski als ein inspirierter, sorgfältiger und beredter Anwalt. Der versierte Orgelvirtuose versteht es farbenreich zu registrieren und alle klanglichen Mittel des Emporen-Instruments glanzvoll einzusetzen. So wurde dieses „Porträtkonzert Polen“ ein Gewinn fürs Repertoire.

Auch Markuszewskis geäußerte Hoffnung, in der Schopfheimer Kirche Inspiration zu seinen Improvisationen zu erhalten, erfüllte sich aufs schönste. Es gelang ihm, spontan Musik erklingen zu lassen, die „noch nicht existiert und nach dem Konzert nicht mehr existiert.“ Jürgen Scharf

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