Schopfheim Einer der besten Zeichner Europas

Jürgen Scharf
Rainer Ehrt neben seiner markanten „Faust“-Skulptur in der Kulturfabrik Schopfheim. Foto: Jürgen Scharf

Es gibt viel anzuschauen in dieser Ausstellung in der Kulturfabrik Schopfheim. Schon der Titel „Traumtänzer und Glücksgötter“ deutet darauf hin, dass die Bilder und Skulpturen Geschichten erzählen. Mit dieser Einzelschau kehrt der in der brandenburgischen Partnergemeinde Kleinmachnow lebende Rainer Ehrt nach über 20 Jahren nach Schopfheim zurück.

Von Jürgen Scharf

Schopfheim. Immer wieder die weißen Masken auf den Gesichtern. Die Reihe der „Sieben Glücksgötter“, die Farbholzschnitte „Trouble in Paradise“ und der „Maskenaffe“ sind direkte künstlerische Reaktionen auf die Corona-Zeit.

Die neueste Serie auf Zeichenkarton ist von Bertolt Brecht inspiriert; wer genau hinschaut, findet versteckt eingebaute kleine Emojis in den Bildern, die besagen wollen, dass es auch im Unglück ein Recht auf Glück gibt.

Der fliegende Fisch ist Ehrts Markenzeichen

Ehrt, 1960 geboren, ist Maler, Zeichner, Grafiker, Illustrator, Büchermacher und auch als Autor tätig. Die Herkunft aus der Illustration ist in vielen Arbeiten erkennbar. Ehrt kommt aus der Tradition der Leipziger Schule, arbeitet gegenständlich-figürlich, beeinflusst von Vorbildern wie George Grosz, Christian Schad, Max Beckmann und Horst Janssen. Das Ironische und Sinnliche kommt in seiner figürlichen Bildsprache sehr stark heraus, die von der Kulturgeschichte, der Mythologie und der Literatur ihre Inspiration erhält.

Dass Ehrt ein grandioser Meister des Holzschnitts und der Radierung ist, sieht man. Besonders beeindruckend sind die Reliefarbeiten der Serie „Traumtänzer“, große Langformate, die bis fast zur Decke der Kulturfabrik reichen. Es sind die originalen Druckstöcke aus Pappelschichtholz, die bemalt sind und eine eigene Ästhetik haben, ein besonderes Linienspiel von Körpern und Gesichtern in Rot und Schwarz: rot die Frauen, schwarz die Männer (mit Hut).

Ursprünglich sollte es ein Totentanz werden, und eine kleine Reminiszenz daran ist noch zu erkennen, aber es sind doch mehr tänzerische Szenen verschiedener Tanzstile vom Gesellschaftstanz über Flamenco bis Tango in Paarsituationen. Mit diesem sehr plastisch wirkenden Zyklus lebensgroßer Figuren in reliefartig geschnittener Kleidung mit Ornamenten werden Paarbeziehungen dargestellt.

Ehrt kombiniert auch gerne Menschen und Tiere. In der „Dämon“-Serie, angeregt vom hexenhaften Geschehen in der Walpurgisnacht, erscheinen hybride Köpfe von Salamander mit Menschenaugen oder ein Uhu in Menschengestalt. Sein Markenzeichen ist aber der fliegende Fisch, der in mehreren Bildern auftaucht, ein Wesen, das in zwei Welten zu Hause ist, im Wasser und in der Luft, ähnlich wie Daphne, die mit dem Baum verwachsen ist und Haare wie Äste hat, oder Medusa mit ihrem Schlangenhaupt.

Hintergründiger Humor spricht aus der Farbradierung „Le Gourmet“, in der ein Frosch Fliegen aus einem Suppenteller löffelt, oder aus der Assemblage der Narrenweisheit vom „Hasenpanier“, einer Figur aus geflammtem Holz mit Schellenkappe und Hasenfahne.

Arbeiten mit der Kettensäge

Mit dem großen bemalten hölzernen Doppelgesicht „Proteus (Faust)“ steht eine markante Bildhauerarbeit mitten im Raum. Zwei janusköpfige Hälften in Rot und Weiß sind hier in einem Schraubstock eingeklemmt. Dass der Bildhauer Ehrt mit der Kettensäge arbeitet, zeigt auch der „Rufer“ mit rauen, kantigen Händen vor dem Gesicht.

Odysseus-Triptychon füllt eine ganze Wand

Manchmal dreht Ehrt die Dinge um und die Tiere kriegen menschliche Eigenschaften: Der Tiger isst einen Apfel und hält ein Lamm im Arm, das Kaninchen trägt die Schlange wie einen Pelzkragen.

Wandfüllend ist das „Odysseus“-Triptychon, eine dreiteilige Szenenfolge über die Abenteuer und Irrfahrten des antiken Helden mit den Sirenen, dem an den Schiffsmast gefesselten Odysseus und den Seeungeheuern.

In einer Serie von Übermalungen auf historischen Werbeplakaten spielt der Grafiker kunstvoll mit Schrift. Die Illustrationen sind nicht allein narrativ, sondern verraten, dass Rainer Ehrt einer der besten europäischen Zeichner und Illustratoren ist.

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