Schopfheim Faszinierend sogar für die Internet-Generation

Markgräfler Tagblatt, 31.08.2018 22:00 Uhr

Wer hätte das geglaubt: Der Suppenkasper ist up to date und gar nicht weit hergeholt. Wenn junge Menschen wissentlich hungern und dem Schlankheitswahn und der Magersucht verfallen, dann sagt Ulla K. Schmid immer zu ihnen: „Schon den Suppenkasper gelesen?“ Der hat sich nämlich zu Tode gehungert - das gibt es heute auch.

Von Jürgen Scharf

Schopfheim. Eigentlich sind es schreckliche Geschichten, die der Frankfurter Arzt, Psychiater und Kinderbuchautor Heinrich Hoffmann, der erste Vertreter der Jugendpsychiatrie, mit seiner weltberühmten Kinderbuchfigur „Struwwelpeter“ erschaffen hat. Die „lustigen Geschichten und drolligen Bilder“ für Kinder hat er für seinen ältesten Sohn geschrieben und selber illustriert. Den hochdeutschen Struwwelpeter kennt jeder, deswegen las die Leiterin des Städtischen Museums Schopfheim in der Begleitreihe „Literatur von A bis Z“ zur laufenden Sonderausstellung „Literatur zum Anfassen“ einmal „D Gschicht vom Suppe-Chaschper“ aus dem Bilderbuch „De Strubelpeter uf Alemannisch“, das Schmids Schwester Rosmarie Wiegand in Mundart übertragen hat.

Amüsante Objekte

Unter dem Motto „Von Hebel bis Karl May“ fand die zweite Lesung in unmittelbarer Umgebung der Exponate rund um bekannte Dichter und Werke als Gartenzwerge, Buchstützen und anderen Dingen statt. Und wieder hatte Ulla Schmid nur Literatur von Schriftstellern ausgesucht, die mit amüsanten und ungewöhnlichen Objekten in der Ausstellung vertreten sind.

In etlichen Werken Johann Peter Hebels kommt Schopfheim vor. Etwa in der Gedichterzählung „Der Statthalter von Schopfheim“, in den Gedichten „Die Wiese“ und „Der Feldhüter“, wo die Glocke und die Orgel von St. Michael beschrieben werden und Hebel ein Register erwähnt, das wie eine menschliche Stimme klingt.

Hebel war nicht nur ein Heimatdichter und Vater der alemannischen Mundartdichtung (als den ihn wohl alle kennen), sondern einer der bedeutendsten Erzähler des deutschen Südwestens, der Weltliteratur in alemannischer Mundart geschrieben hat. Den Pfarrgarten hat er auch verewigt, und in einer Traumaufzeichnung vom 3. Juni 1812 kommt Schopfheim vor.

Die Notgeldschein-Serie aus den 1920er Jahren mit Hebel-Abbildungen inspirierte die Museumsleiterin, den „Mann im Mond“ vorzustellen. Und das Gedicht „Freude in Ehren“, das gleich zwei Mal auf einem Krug zitiert wird.

Das Gute der Stecknadel

Im Alphabet unter „H“ folgte Homer, der Dichter der Epen, der „Ilias“ und „Odyssee“. 15 693 Verse in 24 Gesängen unterteilt, das würde den Rahmen sprengen, deswegen suchte Ulla Schmid nur den ersten Gesang aus, ein paar Zeilen, denn die Geschichte ist nicht einfach zu verstehen und anstrengend. Man müsste sich schon in der Antike, bei Göttern und Helden auskennen; aber vielleicht bekommt man Lust, das über den Raub der schönen Helena mal nachzulesen. Leichter war es bei Erich Kästner und seinem oft verfilmten „Emil und die Detektive“. Aber wer kennt hier schon das 14. Kapitel („Stecknadeln haben auch ihr Gutes“)? So viel sei verraten: Die Einstiche in die Geldscheine waren ein wichtiges Indiz. Es folgten noch der britische Schriftsteller Richard Kipling mit einer längeren Episode aus dem „Dschungelbuch“, aber auch eine, die man nicht so kennt, vom Findelkind Mogli in der Wolfshöhle.

Und zum guten Schluss durfte Karl May nicht fehlen, die Einleitung zu „Winnetou I“, wo der Autor in der Ich-Form als Anwalt der Indianer spricht. Jungs suchen heute wieder Karl May-Bücher, wusste eine Besucherin, Ursula Friedrich, die ehrenamtlich in der Buchschachtel aushilft. Sollte man gar nicht denken, aber Old Shatterhand und der edle Apachenhäuptling faszinieren nicht nur die ältere, sondern auch die Internet-Generation!

Die nächste und letzte Lesung ist am Mittwoch, 5. September, um 15 Uhr und geht von Nauclerus bis Scott.

 
          0