Schopfheim „Flächenfraß kennt keine Grenzen“

Schopfheim - Ein Wiedersehen, das keine Freude macht: Der Schopfheimer Journalist Markus Bäuchle, der vor 20 Jahren nach Irland auswanderte und dort auch als Wanderführer arbeitet, kam kürzlich zu Besuch in seine alte Heimat – und fühlte Trauer.

Was ihm dabei durch den Kopf ging und was das alles mit der heraufziehenden Klimakatastrophe zu tun hat, schrieb er in seinem Webmagazin www.irlandnews.com nieder. Nachfolgend ein Auszug daraus:

„Als ich vor 20 Jahren von Deutschland nach Irland zog, war das Leiden an der fortschreitenden Naturzerstörung in Mitteleuropa mein wichtiger Antrieb.

An der Atlantikküste fand ich eine Wahlheimat, der durch glückliche Umstände noch Aufschub gewährt wurde (und wird).

Ich bin mir heute nicht mehr völlig sicher, ob es richtig war, das persönliche Glück vor den Kampf für die Natur in der Heimat meiner Kindheit und Jugend zu stellen. Sicher bin ich mir, dass dieser Kampf ein vergeblicher gewesen wäre.

Was ich kürzlich bei einem dreiwöchigen Besuch in meiner alten Heimat an Veränderungen sah, lässt mich verstehen, warum so viele Menschen, die uns in Irland besuchen, ihre Zeit am Atlantik als eine Zeit des Glücks in einer wenig zerstörten Gegenwelt erleben.

Einige Beobachtungen in der alten Heimat im Südschwarzwald: Der Raum der Natur wird weiter und weiter beschnitten. Der Flächenfraß kennt keine Grenzen. Der Fort-Schritt schafft fortschreitende Zerstörung. Letzte freie Flächen, auf denen wenigstens Kulturlandschaft einigermaßen ungehindert gedeihen könnte, verschwinden.

Die kleine Stadt, in der ich aufwuchs, wurde zum unwirtlichen Menschenfelsen. Die Projekte von Bürgermeistern und von Generationen von Investoren haben ihre tiefen Spuren in Beton, Stein und Asphalt hinterlassen.

Ein kleiner Park in der Innenstadt ist einem unförmigen Wohn- und Geschäftshaus gewichen. Das einst ruhige Fluss-Ufer ist von der Stadt geschluckt worden. Auch hier gibt es nun Licht, Lärm, und Abgase rund um die Uhr.

Der Eisweiher, einst Schlittschuhvergnügen für die Jungen der Stadt, liegt vergraben unter Senioren-Residenzen.

Die Wiesen, Hügel und Fluss-Auen, Spielgründe der Kindheit und Jugend, sind unter Baugebieten und Straßen verschwunden. Auf ihnen drängen sich Wohnblöcke und Einfamilienhäuser. Der Verkehr, ein nie endender Strom aus Blech. Das Verkehrsaufkommen hat sich in wenigen Jahrzehnten vervier- oder verfünffacht.

Wachsende Gewerbegebiete ziehen immer neue Menschen an. Es gibt Arbeit, es gibt Wohnraum. Es gibt eine diversifizierte Konsumlandschaft von Einkaufsarealen für jedes „Bedürfnis“.

Aus den Gärten und Vorgärten verschwinden die Pflanzen. Schottergärten und Steinwüsten breiten sich aus.

Die einst offenen Felder zwischen den Dörfern sind am Verschwinden. Dort, wo es sie gibt, werden sie eingezäunt, abgegrenzt, genutzt und abgenutzt: Noch mehr Hütten, Schöpfe, Lauben, Unterstände für Tiere und Menschen.

Der Wald stirbt. Der saure Regen vor 30 Jahren war nur ein kleiner Vorgeschmack. Der Zustand der heimischen Wälder ist schlecht wie nie in unserer Lebenszeit. Überall tote Bäume, sterbende Bäume, gefällte Bäume.

Und auf den Bergspitzen des südlichen Schwarzwalds nun auch die Windräder. Die Symbole einer Energiewende, die nicht kommen wird, zerstören die letzten zusammenhängenden größeren Waldgebiete. Hier sind wirtschaftliche Partikular-Interessen am Werk.

Das Klima wird hier nicht gerettet, aber die letzten Naturlandschaften werden im Namen des Klimaschutzes verwüstet.

Dies ist kein prinzipieller Einwand gegen Windräder und Windenergie. Sie muss jedoch auf Flächen genutzt werden, die ohnehin ökologisch zerstört sind, auf Industrieflächen, in Gewerbe- und Konsumgebieten.

Die Natur hat sich notgedrungen auf den Rückzug gemacht. Jeder verfügbare Quadratmeter Land wird von Menschen genutzt, Natur wird stetig in Kapital verwandelt.

Der dauerhafte Anstieg der Temperaturen auf der Erde, die Klimakrise, die Klimaschäden und die Klimageschädigten der Zukunft – all das mag man vielleicht noch nicht sehen oder sich nicht richtig vorstellen können. Der Mensch ist nicht gut darin, eine in der Zukunft liegende Bedrohung bereits in der Gegenwart abzuwenden. Den Niedergang der Natur, das Verschwinden der natürlichen Welt um die Ecke aber, das kann jeder sehen. Jetzt. Hier. Heute, Er vollzieht sich vor unserer aller Augen in atemberaubendem Tempo.

Warum eigentlich müssen wir ständig alles verändern, verwandeln und es uns unterwerfen? Warum können wir die Natur um uns herum nicht einfach in Ruhe lassen, sie sein lassen, wie sie ist? Warum beschränken wir uns nicht?

Der tschechische Biologe und Umweltwissenschaftler Vaclav Smil erkennt nur diese Alternativen: „Entweder wir rücken vom Wachstum ab, oder wir werden von der Erde verschwinden.“ Er rät zur Mäßigung, zum Sparen, zu einem dauerhaften Wohlstandsniveau, wie wir es in Deutschland und Westeuropa in den 1960er- und 70er Jahren hatten.

Laut Smil könnten wir unseren Energie- und Materialverbrauch halbieren, was uns wieder auf das Niveau der 1960er Jahre bringen würde. Wir könnten sparen, ohne etwas Wichtiges zu verlieren.

In den 60-er und 70-er Jahren haben auch wir Menschen in Mitteleuropa noch nachhaltig gelebt. In meiner Erinnerung war das kein schlechtes Leben. Wir hatten alles und mehr, was wir zu einem guten Leben benötigten – auch wenn es nicht die Hälfte dessen war, was wir heute konsumieren und besitzen.

Wir können heute beginnen, als Konsumenten abzurüsten. Wir können uns mäßigen. Es wird auf die Politik, aber auch auf jeden Einzelnen von uns ankommen. Fangen wir an.“

Weitere Informationen: Der vollständige Text ist nachlesbar unter: https://irlandnews.com/die-natur-verliert-wir-verlieren-die-evolution-gewinnt/

Hat unser Autor Markus Bäuchle mit seinem Weckruf gegen den Flächenfraß und die Naturzerstörung recht – auch auf lokaler Ebene? Schießt er übers Ziel hinaus oder liegt er völlig daneben? Teilen Sie uns Ihre Meinung mit. Per Mail an: mt.redaktion@verlagshaus-jaumann.de (Stichwort: Flächenfraß) oder per Post an:

Markgräfler Tagblatt, Hauptstraße 51, 79650 Schopfheim.

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