Schopfheim „Friedrich Jutzler war Täter“

Schopfheim -  Ehrenbürger. Begnadeter Chirurg und hoch verdienter Chefarzt am Schopfheimer Krankenhaus. Aber auch: Ein Mann, der im so genannten Dritten Reich Schuld auf sich geladen hat. Die Rede ist von Friedrich Jutzler, dessen Andenken die Stadt jetzt neu bewerten muss.

„Wir wollen alles aufarbeiten und nichts totschweigen“, betont Bürgermeister Dirk Harscher und zieht damit vorläufige Bilanz einer langwierigen und diffizielen Diskussion, die der Gemeinderat bisher hinter verschlossenen Türen geführt hat.

Ins Rollen brachte die Geschichte der Lörracher Arzt Johann Faltum mit seiner Doktorarbeit. Darin deckt er auf, dass Friedrich Jutzler als Chefarzt des Schopfheimer Krankenhauses ebenso wie sein Lörracher Kollege Carl Keller zwischen 1934 und 1945 im Geist des Nationalsozialismus und auf Grundlage des so genannten „Erbgesundheitsgesetzes“ an Menschen mit körperlichen oder geistigen Krankheiten Zwangssterilisationen durchführten, auch in Fällen, in denen lediglich ein diesbezüglicher Verdacht bestand.

Laut Faltum war Keller für 199 Eingriffe verantwortlich, Jutzler für deren 216. Allerdings waren im Unterschied zu Lörrach für die Schopfheimer Opfer keine Patientenakten mehr aufzufinden.

„Die Aufarbeitung dieses Themas ist uns nicht leicht gefallen“, räumt das Stadtoberhaupt ein. Schließlich habe sich Jutzler als Chefarzt über Jahrzehnte hinweg große Verdienste für die Menschen in Schopfheim und der Umgebung erworben. Als die Stadt ihn 1947 zu ihrem Ehrenbürger ernannte, sei von den jetzt bekannt gewordenen, schweren Vorwürfen nichts bekannt gewesen. „Nach dem Krieg hat davon keiner etwas gewusst“, glaubt Harscher.

Seit den Enthüllungen des Lörracher Arztes ist alles anders. Verwaltung und Gemeinderat befassten sich nach Angaben des Bürgermeisters mit der Doktorarbeit, kamen sehr bald aber zum Schluss, dass es der fachkundigen Hilfe bedarf, um die rechtliche wie medizinische Verantwortung Jutzlers angemessen bewerten zu können.

Mitte März lag die Expertise eines hinzugezogenen Medizinhistorikers auf dem Tisch des Gemeinderats. Ergebnis: „Jutzler war Täter“, fasst Harscher zusammen. Der Experte habe dies bestätigt. Der damalige Chefarzt des Schopfheimer Krankenhauses habe sich „weder aktiv noch erkennbar passiv gegen die Eingriffe gewehrt – er hat sie vollzogen“, so der Experte. Mit Sicherheit nachzuweisen seien ihm „150 Fälle“, so der Bürgermeister weiter. Bei allen unbestreitbaren Verdiensten, die sich Friedrich Jutzler erworben habe, dürfe man diese Erkenntnis nun „nicht mehr verschweigen“.

Das führt geradewegs zur Frage, wie die Stadt künftig mit dem Andenken an ihren Ehrenbürger umgehen soll. Der Gemeinderat fasste nach Angaben des Bürgermeisters dazu folgende Beschlüsse. Erstens: Der Name Friedrich Jutzler soll auf der Ehrenbürger-Tafel der Stadt, die im Eingangsbereich des Rathauses hängt, weiter stehen bleiben. „Wegfräsen wäre das falsche Zeichen“, so Harscher. Schließlich habe sich Jutzler für Schopfheim ja auch verdient gemacht.

Statt dessen will die Stadt den Schriftzug mit einem Hinweis ergänzen, der auf Jutzlers schuldhafte Rolle bei den Zwangssterilisationen Bezug nimmt.

Eine Aberkennung der Ehrenbürgerschaft kommt nach den Worten des Bürgermeisters nicht mehr in Frage, weil diese mit dem Tod des langjährigen Chefarztes automatisch erloschen ist.

Zweitens: Die Stadt wird die Geschäftsführung der Kreiskliniken bitten, die Jutzler-Gedenktafel im Eingangsbereich des hiesigen Krankenhauses im gleichen Sinne zu ergänzen.

Drittens: Das Jutzler’sche Familiengrab auf dem Schopfheimer Friedhof wird die Stadt auch weiterhin auf eigene Kosten pflegen lassen.

Viertens: Der Gemeinderat übertrug der Verwaltung die Aufgabe, eine Publikation über Friedrich Jutzler in Auftrag zu geben, die sowohl dessen Verdienste als auch die „menschenunwürdige“ Seiten seiner Tätigkeit in der NS-Zeit beleuchtet. Dafür ist ein geeigneter Autor zu suchen.

Fünftens: Ergänzend dazu ist eine öffentliche Veranstaltung, beispielsweise eine Podiumsdiskussion, denkbar, die sich mit der Rolle Jutzlers in der Nazizeit beschäftigt.

All dies, so verspricht Dirk Harscher, soll mit dem gebotenen „Respekt“ vor möglicherweise noch lebenden Opfern der damaligen Zwangssterilisationen geschehen. Ihnen wolle man nach so langer Zeit nicht ein zweites Mal Leid zufügen. Auch deswegen müsse die Aufarbeitung mit dem nötigen Fingerspitzengefühl vonstatten gehen.

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