Schopfheim Graben in der Stadtgeschichte

Markgräfler Tagblatt

Die Kita am Markt wird erweitert. Auf der künftigen Baustelle hinterm Kita- / Rathausgebäude – direkt gegenüber der alten Kirche – wird gebuddelt, aber es sind keine Bauarbeiter am Werk. Was ist da los? Die Frau und die drei Männer, die dort schaffen, sind Mitarbeiter einer archäologischen Fachfirma.

Von Petra Martin

Schopfheim. Grabungsleiter Benjamin Hamm steht vor der Grube und deutet auf Mauerreste, Fundamente, Flusswacken, Ziegelscherben. „Das könnte eine Scheune mit Wohngebäude gewesen sein, das hier am Bestandsgebäude vielleicht ein Stück des alten Stadtgrabens.“

Genaues weiß man – noch – nicht. Archäologie braucht Weile. „Bei einer historischen Bausubstanz gehört eine archäologische Untersuchung zum gesamten Bauprozess dazu“, erläutert der Grabungsleiter von der Fachfirma „E&B excav GbR“ in Freiburg.

Sie hat zu Wochenbeginn ihre Arbeit auf der Baustelle der Kita am Markt, dort wo früher draußen gespielt wurde, aufgenommen und zunächst eine erste Schicht abgegraben, so dass man sich 80 Zentimeter unterhalb des heutigen Laufniveaus befand. Nun soll es weiter auf 1,50 Meter unterhalb des heutigen Bodens gehen, gegraben wird bis zu drei oder vier Meter unter heutiges Laufniveau.

„Moderne Anbauten hat es immer schon gegeben“

Der erste Sichtkontakt eröffnet den Blick in die jüngere Stadtgeschichte vor 150 bis 200 Jahren. Die städtische Fachgruppenleiterin Martina Milarch sagt, es gebe einen Katasterplan aus dem Jahr 1792, der Aufschluss darüber gibt, wie es in dem Bereich der Stadt früher ausgesehen haben könnte.

Das sei eine Hilfestellung, wie Ausgrabungsleiter Hamm erläutert und dabei auf Fundamente vielleicht einer Scheune, eines Wohngebäudes und Gartens verweist, die vermutlich im Plan dargestellt werden. Eine Hilfestellung ja, erläutert Hamm weiter, mehr aber auch nicht, denn die Pläne seien idealisiert – und sie geben nur eine Momentaufnahme der Geschichte preis.

Auf jeden Fall, so Benjamin Hamm, habe es vor 200 bis 250 Jahren in diesem Teil der Stadt keine enge, sondern eine eher offen gestaltete Bebauung gegeben. Und: Es habe immer schon moderne Anbauten gegeben. Verschiedene bauliche Situationen überlagerten sich hier, und wenn dann auch noch moderne Leitungsgräben dazu kommen, verkompliziere sich das Ganze.

Hamm erinnert an die 800 Jahre alte Geschichte Schopfheims als Stadt. Dass diese das Stadtrecht verliehen bekommen habe, zeige ihre Bedeutung als Marktplatz und Mittelzentrum. Bereits vor 1300 sei Schopfheim wichtiger Handelsknotenpunkt und Verkehrsplatz gewesen. Die Geschichte des städtischen Siedelns stelle indes nur die eine Seite dar; die Archäologie fördere oft eine andere Seite zutage, nämlich nicht ein Bild aus der Perspektive Herrschender und historischer Persönlichkeiten, sondern eher von den „Menschen auf der Straße“, eine „Perspektive von unten“ auf das damalige Leben. Was haben die Stadtbewohner früher gegessen, welches Geschirr haben sie benutzt? „Das lässt Rückschlüsse auf die Zeit zu“, so der Archäologe.

Dokumentation ja, aber:„In den meisten Fällen findet kein Erhalt statt“

Die Fachfirma aus Freiburg wird unter Anleitung des Landesdenkmalamts aktiv bei Projekten, die im Zuge von Bauvorhaben entstehen, zum Beispiel wenn „archäologische Verdachtsfälle“ vorliegen. Dann sondiert und prüft die Firma, ob Relevantes ans Tageslicht kommen könnte oder auszuschließen ist.

„In den meisten Fällen findet kein Erhalt statt“, sagt Benjamin Hamm. Vielmehr gehe es um die Dokumentation, die Arbeit der Archäologen könne man sich wie ein Gewerk auf der Baustelle vorstellen. Dokumentation, auch die fotografische, Messungen, Drohnenaufnahmen und ein Grafikprogramm aber seien wichtig, betont die städtische Fachgruppenleiterin Martina Milarch. Zwar findet keine wissenschaftliche Auswertung statt, aber Interessierte können die Dokumentation nutzen.

Das Zeitfenster ist übrigens eng: Nur 14 Tage hat die Fachfirma Zeit, um den Boden abzutragen und ihre Arbeit zu erledigen, einen Einblick in die Baugeschichte der Stadt zu nehmen, in deren Genese im innersten Stadtkern, möglicherweise einen Blick auf die vielleicht ältesten Gebäudeteile der Stadt nahe am Stadtgraben zu werfen, Stadtbefestigungsteile sichtbar zu machen. Querschnitt und Tiefe der Baugrube spielen hier eine Rolle, denn jeder, der dort schon mal gebaut hat, hat in den Städtebau eingegriffen. „Interessante Schichtfolgen“ können hier Aufschluss geben, das Profil zeigt, wie sich die Baugeschichte in den letzten 700 bis 800 Jahren gliedert.

Eine schwierige Aufgabe. Jeder, der dort gebaut hat, könnte Material von den Vorbauten wieder verwendet und zum Beispiel auch Abfall als Verfüllung benutzt haben. Wie kann hier ein korrektes Bild von der Vergangenheit entstehen?

Mit Sensationsfunden oder alten Gräbern ist nicht zu rechnen

Benjamin Hamm vergleicht das mit einem Puzzle, das 1000 Teile hat. Gefunden werden vielleicht 500 oder auch nur 150 Teile. Je weniger entdeckt werden, desto bruchstückhafter ist das Bild, das sich die Menschen von der Vergangenheit machen können, Benjamin Hamm spricht dann von einem „weitläufigen Deutungsspektrum“.

Dass auf dem Kitagelände ein spektakulärer Bodenfund gemacht oder gar Gräber zum Vorschein kommen, hält Benjamin Hamm aber aufgrund bisheriger Erkenntnisse wohl nicht für wahrscheinlich. Falls dies doch der Fall wäre, würde sich der Kitaneubau allerdings ziemlich verzögern. Vielleicht treffe man auf den alten Stadtgraben am Bestandsgebäude. Die Archäologie berge einen „gewissen Weihnachtseffekt“, sagt der Grabungsleiter. „Man weiß nie, was man bekommt.“

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