Es gibt immer seltener Liederabende, und leider hält sich auch der Publikumszuspruch vergleichsweise in Grenzen. Umso begrüßenswerter, dass die Organisatoren der Stiftungskonzerte „Klassik im Krafft-Areal“ der Anneliese Benner-Krafft-Stiftung immer wieder frisch den Mut fassen, einen Liederabend zu organisieren.

Von Jürgen Scharf

Schopfheim-Fahrnau. Wie wertvoll Liederabende sein können, zeigte der jüngste zum Saisonauftakt mit der Mezzosopranistin Marie-Claude Chappuis und dem Pianisten Simon Bucher. Bei diesem beglückenden Konzert in der Fahrnauer „Tonhalle“ kam eine besondere Stimmung auf. Und zwar gleich zu Beginn in den französischen Liedern von Gabriel Fauré, sogenannten „Mélodies“, zu Texten von Paul Verlaine und Victor Hugo. Faszinierend war dabei, dass die Interpretationen so lyrisch wohlgeraten ausfielen und die Sängerin genau den eigentümlichen Fauré-Tonfall traf, jene Balance von Dezenz und Intensität.

So berückend von Chappuis gesungen, wurden Faurès „Mandoline“, „Claire de lune“, die berühmteste Mélodie „Après un reve“ oder die wagnerhaft tönende „Fleur jetée“ zu kleinen vokalen Wunderwerken. Mithin ideal in der Wiedergabe der Atmosphäre, des Stimmungsspektrums und der Bilderwelt der Lieder, in denen es bald um Liebe, bald und Blumen geht.

Simon Bucher – das Wort Klavierbegleiter ist bei ihm nicht das richtige, er begleitet nicht, er gestaltet mit – bewies Gespür für die Klangschönheit, mit der er die Poesie des Klavierparts ausmalte; nicht minder hochrangig wirkten seine Eigenimprovisationen zwischen den drei Faurè-Gesangsblöcken.

Diese intelligenten und einfühlsamen Zwischenspiele, gedacht als Überleitungen und thematisch von Faurés Harmonik und Klängen inspiriert, waren etwas ganz Besonderes und Ungewöhnliches. Das Publikum erlebte im ersten Programmteil also einen wahren Zauber mit der perfekten Verschmelzung zwischen Stimme und Klavier, der sich in romantischen Heine- und Eichendorff-Vertonungen von Mendelssohn fortsetzte - zumal beide Künstler sich zum Medium der Texte und der Vertonungen machten.

Zum Höhepunkt nach der Pause wurden die fünf dramatischen „Wesendonck-Lieder“ („Der Engel“, „Stehe still“, „Im Treibhaus“, „Schmerzen“, „Träume“) von Richard Wagner auf Gedichte seiner Muse Mathilde Wesendonck. Die narkotisierende Kraft der Liebe übertrug sich direkt auf die Zuhörer. Marie-Claude Chappuis trug sie intensiv, ausdrucksstark, gefühlsbetont und mit stimmlicher Leuchtkraft vor, dabei eher lied- als opernhaft.

Das letzte Lied, die „Tristan“-Studie „Träume“, bettete sie in samtene Mezzofarben, vom Pianisten mit leise pochenden Herzschlag-Akkorden versehen. Die Klammer zum französischen Anfang war die erste Zugabe, die freundlich-gefällige Valse chantee „Les Chemins de l’amour“ von Francis Poulenc.

Nach diesem charmanten Walzerlied war das mit spürbarer Lust und Nachdruck vorgestellte „Hexenlied“ von Mendelssohn („Juchheissa! Zum prächtigen Tanze!“) so mitreißend bildhaft, dass man Besenstab und Ofengabel vor dem geistigen Auge zum Brocken fliegen sah, begleitet von Geisterschwarm und Belzebub. Ein Beispiel dafür, wie Musik Bilder und Geschichten im Kopf entstehen lassen kann. Das bunt bewegte Geschehen löste helle Begeisterung und Bravorufe im Publikum aus.