Schopfheim Kopfschütteln über Kosten-Kapriolen

Bleibt trotz Anwohnerprotests vorerst gesperrt: die Wiesebrücke in Ehner-Fahrnau. Foto: Werner Müller

Schopfheim  - Von wegen über sieben Brücken: Nicht mal über deren zwei will der Gemeinderat so ohne weiteres in Ehner-Fahrnau gehen.

Nachdem die Stadtverwaltung zur Verblüffung aller in der jüngsten Sitzung plötzlich andere Zahlen bezüglich der Kosten präsentiert hatte, vertagte das Gremium die Entscheidung – nach ausdrücklicher Empfehlung sogar von Bürgermeister Dirk Harscher.

Somit bleibt es in Ehner-Fahrnau vorerst beim jetzigen Zustand: Die alte Brücke zum Golfplatz ist weiter gesperrt; ob es an ihrer Stelle einen Neubau gibt und ob die Stadt weiter flussaufwärts zusätzlich eine zweite Brücke für Fußgänger und Radfahrer baut, wird der Gemeinderat frühestens im September entscheiden.

Das dürfte vor allem den Anwohnern nicht passen, die in der Fragestunde ihrem Ärger Luft machten. Der jetzige Zustand mit der Sperrung für alle Kraftfahrzeuge sei „untragbar“ schimpften sie. Sie verlangten günstige provisorische Lösungen wie Poller und Höhenbegrenzungen, um die Brücke weiter provisorisch nutzen zu können. Sie bezweifelten zudem, dass die Brücke wirklich so marode ist, wie die Stadt unter Berufung auf Gutachten behaupte.

Gute Vorschläge für Provisorium

Auch einige Stadträte hatten da so ihre Zweifel. Thomas Kuri (CDU) etwa schloss sich den Bedenken der Anwohner an und hielt provisorische Vorkehrungen gegen Raser für sinnvoll. Auch Fraktionskollegin Heidi Malnati sprach diesbezüglich von „guten Vorschlägen“, mit denen man eine provisorische Weiternutzung bis zum Neubau regeln könne.

Ernes Barnet (Grüne) sah es ähnlich. So baufällig könne die Brücke nicht sein, wenn die Polizei gelegentlich immer noch drüber fahre, meinte er.

Kai Horschig (Freie Wähler) schlug in die gleiche Kerbe und hielt Poller für eine praktikable Lösung.

Solche Mutmaßungen und Vorschläge wischten Bauamtsleiterin Karin Heining und Bürgermeister Dirk Harscher indes vom Tisch. „Die Brücke ist statisch nicht mehr sicher“, betonte Heining. Das hätten zwei Gutachter einvernehmlich festgestellt. „Die Brücke ist zu sperren“, bekräftigte auch das Stadtoberhaupt. Dies sei die „klare Aussage“ der Statiker.

Dirk Harscher verwies außerdem auf die Ergebnisse von Kontrollen durch das Ordnungsamt Ende 2017. Dieses registrierte im Zeitraum von fünf Wochen 6500 Fahrzeuge, die über die Brücke rollten, davon seien 3500 Pkws gewesen, 650 Transporter und – trotz Gewichtsbegrenzung – sogar 200 Lastwagen. Kein einziges Kraftfahrzeug habe sich an das Tempolimit von 10 km/h gehalten, so Harscher. Selbst wenn man die Brücke mit provisorischen Mitteln wie Poller und Höhenbegrenzungen gegen zu schnelle und zu schwere Fahrzeuge zu schützen versuche, sei sie laut Gutachtern nicht mehr befahrbar.

Der Bürgermeister warb deshalb eindringlich für eine „ordentliche“ neue Brücke, die dann auch für schwere Rettungsfahrzeuge nutzbar wäre und einen Asphaltbelag hätte. „Das wäre eine dauerhafte Lösung und ein Gewinn für alle, auch für die Anwohner“, so Harscher.

Gleichwohl schlug das Stadtoberhaupt vor, in Sachen Brücken in Ehner-Fahrnau an diesem Abend keinen Beschluss zu fassen. Das lag indes nicht an besagter Brücke beim Golfplatz, sondern an der von der Verwaltung vorgeschlagenen zweiten Wiese-Überquerung für Radler und Fußgänger etwa 600 Meter weiter flussaufwärts.

Hatte die Verwaltung in der Vorlage noch davon gesprochen, das THW könne einen solchen provisorischen Steg für 50 000 bis 70 000 Euro errichten, war in der Sitzung davon keine Rede mehr. Nachfragen hätten ergeben, dass in Wahrheit mit 120 000 bis 140 000 Euro zu rechnen wäre, so Karin Heining. Das Provisorium käme dann ähnlich teuer zu stehen wie eine dauerhafte Ausführung, die laut Kostenschätzung mit 275 000 Euro zu Buche schlagen würde.

Diese Botschaft löste am Ratstisch blankes Entsetzen aus. Teresa Bühler (SPD) hatte sich ohnehin schon gewundert, weshalb die Verwaltung für die dauerhafte Variante plädiert hatte, wo doch die temporäre Lösung auf den ersten Blick vermeintlich viel günstiger sei. Thomas Kuri schüttelte den Kopf über das offensichtliche Kosten-Chaos, Thomas Gsell (SPD) zeigte sich „perplex“ und sprach von einer „völlig neuen Situation“, und Kai Horschig (Freie Wähler) verlangte „korrekte Zahlen“.

Das Stadtoberhaupt erklärte schließlich, weitere Gespräche mit dem THW hätten ergeben, dass die bereits vorhandenen Widerlager und Fundamente beim Kraftwerk für eine provisorische Brücke mit einer Spannweite von rund 50 Metern nicht geeignet seien. Kämmerer Thomas Spohn ergänzte, dass statt dessen eine Stahlbrücke her müsste, die entsprechend teuer wäre.

„Klare Angebote“ für die zweite Brücke

Am Ende einer bewegten Debatte versprach Dirk Harscher, diesbezüglich „klare Angebote“ einzuholen und zu prüfen, ob es für eine zweite Brücke nicht einen Standort gebe, wo die Wiese nicht so breit ist. Die Ergebnisse will er dem Gemeinderat im September auf den Tisch legen – mal sehen, ob das Gremium dann über die zwei Brücken geht.

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