Schopfheim Kritischer Blick auf die „Selfie-Gesellschaft“

Markgräfler Tagblatt, 10.10.2018 22:00 Uhr

Dem Zeitgeist erneut auf den Zahn fühlen will Uwe Gerber. Der emeritierte Theologieprofessor widmet sich in einer neuen, fünfteiligen Vortragsreihe in der Regio-Buchhandlung dem Thema, das er für das derzeit brennendste überhaupt hält: „Individualisieren wir uns zu Tode?“

Von Werner Müller

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Schopfheim . Unter dieser „geheimen Überschrift“ spürt Gerber der Frage nach, wie es zu dieser absoluten Vorrangstellung des Ich in der modernen Gesellschaft kam und welche Rolle dabei Religionen, Philosophie und Weltanschauungen spielten.

Im ersten Vortrag am 17. Oktober geht es denn auch um das Thema: „Gebet in den Religionen – Effizienz oder Vertrauen?“ Das sind für Gerber die beiden Gegenpole der menschlichen Haltung zur Welt. Während Turbokapitalismus und Neoliberalismus auf Gewinn, Ertrag und Effizienz abzielen, basiert das Gebet auf dem Vertrauen, das man nicht steigern oder verbessern kann, sondern das einem vom Anderen – dem Menschen oder Gott, der Natur oder der Schöpfung – entgegengebracht wird. Allerdings, so Gerber, habe auch im Gebet, das vorher rein kultischen Charakter hatte, vor rund 300 Jahren eine Art Individualisierung eingesetzt – seither bete der Mensch auch und vor allem für sich.

Am 28. November beschäftigt sich der Referent mit der Frage „Gibt es Religionen ohne Gott?“ Dabei kommt er auf den Unterschied zwischen Judentum, Islam und Christentum zum Buddhismus zu sprechen. Während erstere auf die Fremderlösung (durch Gott) vertrauen, beruhe der Buddhismus auf Selbsterlösung durch das Versinken in sich selbst.

Der dritte Vortrag am 16. Januar markiert nach Angaben von Uwe Gerber den „Höhepunkt“ der Reihe, dreht er sich doch explizit um die Kernfrage –­ „Individualisieren wir uns zu Tode?“ Heutzutage, so der Theologe, sei jeder sich selbst der Nächste. Die Gesellschaft falle auseinander, der Einzelne existiere als „Monade“ ganz auf sich allein gestellt. Diese „Selfie-Gesellschaft“ sei davon überzeugt, dass der eine den anderen nicht braucht, so Gerber.

Diese Entwicklung habe sich in Etappen vollzogen. Bereits Jesus und später auch Augustinus mit seinen „Bekenntnissen“ hätten angefangen, den Menschen zu individualisieren, indem sie ihn auffordern, den Blick nach innen zu richten. Die Renaissance und Luther, vor allem aber Descartes mit seinem berühmten Satz: „Ich denke, also bin ich“ stünden endgültig für die theologische und philosophische „Geburt des Ich“.

Daher rühre auch der Trend zu den „Patchwork-Religionen“, so Gerber: „Heute hat jeder seinen eigenen Gott“. Es gebe keinen roten Faden mehr, der die Gesellschaft zusammenhält. Es sei eine „schweres Unterfangen“, diese Zerfaserung aufzuhalten und wieder zu Zusammenhalt und Gemeinschaft zurückzukehren. Die einzige Möglichkeit bestehe darin, die vielen Einzelinteressen mittels Diskussion und Konsens zu bündeln. Aber auch dabei bestehe die Gefahr, „neben dem eigenen Ich alle anderen zu vergessen“. Insofern, so Gerber, sei dieses Rezept gegen die überbordende Individualisierung „ein Ritt auf der Rasierklinge“.

Das „Gegenmodell“ zum Ich-Kult stellt Uwe Gerber am 20. Februar vor, wenn er sich mit Hildegard von Bingen beschäftigt. Diese stehe mit ihrem Leben für „Ganzheitlichkeit“ und ein „kosmisches Weltbild“, in dem der Mensch geborgen ist.

Zum Abschluss der Vortragsreihe am 20. März hat sich der Theologe kein festes Thema ausgedacht. Vielmehr besteht Gelegenheit zur freien Aussprache. „Jeder darf sagen und fragen, was er will“, so Gerber, der sich auch über das eine oder andere „Streitgespräch“ freuen würde.

An seinen bisherigen Vortragsveranstaltungen in der Regio-Buchhandlungen nahmen im Schnitt stets zwischen 25 und 45 Zuhörer teil. Eintritt verlangt Uwe Gerber übrigens nicht. „Das ist meine Kulturgabe an Schopfheim“, so der 79-Jährige.

 
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