Schopfheim Laut und bunt gegen den Mainstream

Markgräfler Tagblatt, 26.07.2017 22:00 Uhr

Von Anja Bertsch

Klar: Nach außen (und vor allem zu den leidgeplagten „Normal-Schopfheimern“ im „Tal“ unten) dringt vor allem die lautstark-brachiale musikalische Absage an den Mainstream herab, die das Schopfheimer Holzrock-Open-Air alle Jahre wieder vom lauschigen Sengelenwäldchen aussendet. Vor Ort auf dem Festivalgelände aber werden die politischen Botschaften durchaus differenzierter, farbiger und vielstimmiger diskutiert.

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Das große Dach, unter dem man sich das Festivalvolk zusammenfindet, ist eine linksorientiert-kritische Haltung, die sich so einige „Antis“ auf die Fahne schreibt: gegen Faschismus und rechte Parolen, gegen Repression, Unterdrückung und Diskriminierung – ob nun wegen Frau-, Mann-, Alt- , Jung-, Nicht-von-hier- oder sonstigen „Andersseins“. In diesem Sinne hat man sich in diesem Jahr mit Flyern, Ansagen und eigenem Team die „Awareness“ auf die Fahnen geschrieben: „To be aware bedeutet achtsam, aufmerksam und sensibel bezüglich Diskriminierungen und Übergriffen zu sein“, heißt es im zugehörigen Reader.

Ein eindrückliches Signal des politischen Anspruchs der Holzrocker hätte in diesem Jahr der Vortrag von Esther Bejarano setzen sollen, die ihren Besuch jedoch zum Bedauern der Veranstalter wie vieler Besucher auch jenseits des üblichen Holzrock-Publikums aus gesundheitlichen Gründen kurzfristig absagen musste. Die heute 93-Jährige hat die Schrecken des Dritten Reiches in den KZs in Auschwitz und Ravensbrück am eigenen Leibe miterlebt. In Lesungen und mit dem besonderen Projekt der rappenden „Microphone Mafia“ ist sie nun unterwegs, um den Menschen ihre Erfahrungen zu vermitteln und ihnen ihre Botschaft nahe zu bringen: „Ich möchte nicht, dass nochmal passiert, was geschehen ist. Und diese Situation, die wir momentan haben, mit AfD und Pegida und dem ganzen Kram, das ist eine Katastrophe für uns.“

In einem weiteren Vortrag wurde die AfD denn doch intensiv thematisiert: Der Publizist Lucius Teidelbaum skizzierte die Entwicklung der Partei von einer zunächst konservativ-europakritischen Partei hin zur rechtspopulistischen „Flüchtlingsabwehrpartei“ die sie im vergangenen Jahr markierte. Die AfD habe keine starre Agenda, diagnostizierte Teidelbaum, viel mehr wechsele sie die Feindbilder je nach dem, was die meisten Wählerstimmen verspreche. Nachdem das Flüchtlingsthema in der Bevölkerung nicht mehr derart akut sei, setze die AfD nun auf die Islamkritik. „Sie ist ein Sammelbecken verschiedener Strömungen“, bilanzierte Teidelbaum. Unter anderem wegen dieser Undefinierteheit sei die AfD denn auch selbst ihr größter Feind: „Sie zerlegt sich unglaublich gut selbst.“ Darauf allein freilich dürfe sich die Linke nicht verlassen, wurde in der Diskussion klar. Klare Signale seien nötig. Um den Botschaften entgegen zutreten, müssten sich mehr Menschen vielleicht öfter noch in ihrer Haltung als als AfD-Kritiker outen – im ganz normalen Alltag von Schule oder Arbeitsplatz, lautet eine der Überlegungen.