Schopfheim Mit explosiver Hand und Temperament

Markgräfler Tagblatt, 26.06.2018 05:43 Uhr

Von Jürgen Scharf

Schopfheim-Fahrnau. Ist es ihr angeborenes (ungarisches) Temperament? Jedenfalls spielt Andrea Kauten bei ihrem eingeschobenen Extra-Klavierrecital am Samstag im Schopfheimer Krafft-Areal Chopins 24 Préludes mit einer solchen pianistischen Potenz, vollgriffig und mit explosiver Hand wie aus einem Guss, dass es einen in diese Musik geradezu hineinzieht.

Frederic Chopin war ein Meister der Charakterminiaturen. Aber Andrea Kauten hat ihren Chopin auf Virtuosität angelegt, agiert mit geölten Fingern vom ersten Agitato bis zu den letzten drei Hammerschlägen des Allegro appassionato expressiv und eruptiv, vor allem, wenn Chopin in seinen Anweisungen – wie in den „Molto agitato“-Stücken – grünes Licht gibt. In den Zeitmaßen, der farblichen Gestaltung und der Gewichtung der Stimmverläufe hat die Romantikerin Kauten die Grandiosität des Chopinschen Gestus im Visier.

Das ist Klavierkunst auf hohem Niveau, mit physischer Kraft, makelloser Technik, überschäumender Virtuosität. Kauten investiert viel an Energie und Vitalität in diese romantisch-farbige Darstellung, wobei die Kraft des rhythmischen Aufbruchs hin zu den drei Abschlussschlägen im 24. Prélude dominiert.

Es gibt Pianisten, die arbeiten den Kontrast zu den langsamen „Nummern“ stärker aus; nicht so Kauten, die die schwer lastenden Lento- und Largo-Stücke nicht rubatisierend und gänzlich unparfümiert erschließt. Man könnte sich den „traurigen Polen“ in den Dynamikbereichen auch leiser, differenzierter denken. Aber Kauten holt aus den bekannten Stücken heraus, was herauszuholen ist, und erreicht Geschlossenheit und ein fulminantes Ganzes.

Ähnlicher Eindruck bei Sergej Rachmaninows „Moments musicaux“. Die sechs Stücke scheinen vorbereitend angelegt auf das letzte (Maestoso). Auch hier pendelt die Pianistin Lyrik und Dramatik der einzelnen Werke so aus, dass mehr Power und Passion die Oberhand gewinnen. Dabei packt sie diese Miniaturen mit ihrer schier vulkanischen Attacke an und scheint im Schlussstück mit geradezu Rachmaninowscher Pranke über sich hinauszuwachsen. Schlicht glorios!

Angefangen hat das Sonderrecital mit einer Wiederentdeckung der Basler Komponistin und Pianistin Marguerite Alioth, die von der „Königin der Pianisten“, Teresa Carreno, ausgebildet wurde und sich für das Frauenstimmrecht aktiv einsetzte. Alioths Passacaglia und Fuge d-Moll von 1933, eine Busoni-haft komplexe und vertrackte Musik, kam unter den Händen von Andrea Kauten und dank ihrer romantischen und doch kontrollierten Spielweise kraftvoll und wirkungsmächtig rüber.

In der Zugabe, Liszts „Liebestraum“ Nr. 3, einem bekannten Standardwerk, war Kauten dann wieder in ihrem ureigenen Element als hochvirtuose Liszt-Spielerin.

 
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