Schopfheim „Mit uns hat niemand gesprochen“

Schopfheim  -  Große Verunsicherung herrscht bei den Mietern der Alten Ziegelei in Schopfheim, nachdem ein möglicher Investor aufgetreten ist, der die betagte Immobilie sanieren möchte, indem er eine Genossenschaft gründen will. Die Mieter fühlen sich übergangen und widersprechen auch der Darstellung des Wahl-Schopfheimers Frank Rupprecht.

Bewohner sind alarmiert

„Wir haben von den Plänen erst aus der Zeitung erfahren“, beklagt sich Marco Eckert im Namen aller zwölf Mieter, die im Haus am Wuhr-Kanal leben. „Was ist das für ein Stil?“, richtet er seine Vorwürfe an die Adresse des möglichen Genossenschaftsgründers Rupprecht. Wie Rupprecht dem MT erst kürzlich mitgeteilt hatte, ist er von der Rechtsanwältin der in einem Altenheim lebenden Eigentümerin beauftragt worden, eine Genossenschaft zu gründen, um die Immobilie nach sozialen Gesichtspunkten zu sanieren. Trotzdem sind die Bewohner alarmiert. Denn Rupprecht hatte bereits im letzten Jahr einen Anlauf genommen, eine Genossenschaft für die Alte Ziegelei zu gründen.

„Wir hätten jeder 50 000 Euro aufbringen sollen, wären doch nicht Eigentümer gewesen und hätten weiter Miete zahlen müssen“, blickt Eckert zurück. Der erste Anlauf sei gescheitert, eine beteiligte Stiftung habe sich zurückgezogen und mögliche Mitstreiter einer Genossenschaft hätten sich von Rupprecht getrennt. Deshalb reagierten die Mieter verwundert, als sie jetzt aus der Zeitung vom erneuten Vorstoß Rupprechts erfuhren.

„Mit uns hat noch niemand gesprochen“, bestätigt auch Bewohner Roy Krause. Er bemängelt ein Kommunikationsdefizit seitens der mit der Hausverwaltung beauftragten Anwältin. Immerhin haben er und seine Nachbarn in der vergangenen Woche Post erhalten, in der eine 20-prozentige Mieterhöhung zum 1. Juli ausgesprochen wurde.

„Es stimmt“, sagen die zwölf verbliebenen Mitparteien der Alten Ziegelei, „Wir wohnen günstig hier. Die Quadratmetermiete liegt bislang bei knapp vier Euro.“ Das liege zum einen an sehr langen Mietverhältnissen, zum anderen an einfachen Wohnverhältnissen, die man nicht mit einem Neubau mit Keller vergleichen könne. Dennoch ärgern sie sich über die Äußerung des möglichen Genossenschaftsgründers, wonach sie „für einen Appel und ein Ei“ in der Alten Ziegelei lebten.

Hohe Unkosten und Reparaturen

Hinzu müsse man diverse Unkosten und Reparaturen rechnen, für die die Hausverwalterin in der Regel nicht aufkomme. Das beginne bei tausend Euro Entrümpelungskosten beim Einzug, 800 Euro Gas-Nachzahlung wegen einer angeblich undichten Leitung und höre bei Reparaturen für allgemeine Beleuchtung und defekte Böden noch lange nicht auf. Vom beauftragten Anwaltsbüro heiße es lapidar, dafür sei kein Geld da.

Die Bewohner gehen zur Nachbarin Monique Rath. Decken an den Fensterbänken zeigen, dass die Fenster nicht dicht sind. Im Winter habe sie in den eigenen vier Wänden frieren müssen. „Alle Fenster im Haus sind undicht“, behauptet Roy Krause, teilweise müsse man aufpassen, dass die Griffe nicht abfallen. Bei Monique Rath sei gerade zum dritten Mal Wasser von oben an den Wänden herabgeflossen, weil ein Waschmaschinenanschluss defekt sei, was einen Feuerwehreinsatz nach sich zog.

Wenn man mit Hinweisen auf Mängel an die Hausverwalterin herantrete, werde man in der Regel hingehalten, bis die Mieter die Sache selbst in die Hand nähmen und in Vorkasse träten, berichten die Bewohner unisono. Das müsse man auch berücksichtigen, wenn von einer „Miete für einen Appel und ein Ei“ gesprochen werde.

Die Mieter der Alten Ziegelei vermitteln das Gefühl, gerne in der etwas abgewirtschafteten Immobilie zu leben. „Ich bin hier aufgewachsen“, sagt zum Beispiel Jessica Kehlert. Als sie den Vater ihres Kindes in der Wohnung anmelden wollte, habe es geheißen, dieser solle erst einmal 50 000 Euro Genossenschaftsanteil zahlen. „Das ist doch Erpressung“, sagen die Mieter. Jetzt seien die ersten drei Mieter wegen der Zustände und wegen der Unsicherheit mürbe gemacht worden und zögen aus.

Gemeinschaft ist gut

Marco Eckert versichert, dass die Gemeinschaft in der Alten Ziegelei gut sei. Außerdem sei es heute nicht einfach, günstigen Wohnraum in Schopfheim zu finden. Er hofft, dass der Genossenschaftsgründer in spe doch noch bei den Bewohnern vorstellig wird und sie in seine Planung einbezieht. Man sei nicht unkooperativ und es sei klar, dass etwas geschehen muss, wie es Cornelia Krause ausdrückt. „Aber nicht über unsere Köpfe hinweg.“

Die Sorge dränge sich auf, dass die Immobilie mit einem Schätzwert von 250 000 Euro als bloßes Spekulationsobjekt bei einem Grundstückswert von über einer Million Euro unter die Räder gerate. Und die Mieter ebenfalls.

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