Schopfheim Nur fünf Räder drehen sich im Wind

Markgräfler Tagblatt, 17.03.2015 23:02 Uhr

Von Werner Müller

Schopfheim. Klare Ansage: Für die Firmen Enerkraft und EWS kommt als Standort für Windkraftanlagen (WKA) nur der Rohrenkopf in Frage – die Hohe Möhr und der Süden von Gersbach (Glaserkopf, Oberes Ried) hingegen sind aus dem Rennen.

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Diese unmissverständliche Botschaft verkündete Enerkraft-Geschäftsführer Frank Mosthaf am Montagabend im Gemeinderat – nicht zum ersten Mal übrigens. Augen- und Ohrenzeuge waren nicht nur die Stadträte, sondern auch ein stattliche Anzahl von Zuhörern aus dem Golddorf. Dessen Ortschaftsrat machte in einem offenen Brief noch einmal seine kritische Haltung zu den Windkraftplänen deutlich (siehe gesonderten Bericht).

Mosthaf betonte, für ein rechtlich einwandfreies Verfahren müssten EWS und Enerkraft alle Standorte prüfen,

„Ein Meter pro Sekunde – das sind Welten“.

die laut Windatlas aufgrund ihrer Windhöffigkeit „theoretisch“ für WKA geeignet seien. Nach Abwägung aller Faktoren seien „maximal drei“ (Rohrenkopf, Hohe Möhr, Glaserkopf/Oberes Ries) übrig geblieben.

Vor allem des Richtfunks wegen lassen die Betreiber jedoch den Finger von der Hohen Möhr. Mosthaf: „Da passiert nicht viel“. Und auch im Süden des Golddorfes wollen die beiden Firmen „nicht weiter planen“. Dort wehe der Wind in „eher bescheidener Stärke“. Insofern seien die dortigen Standorte „wirtschaftlich schwierig“, so Mosthaf. Hinzu kämen Bedenken hinsichtlich des Artenschutzes und des Landschaftsbildes. Es gebe dort „viel mehr Flugbewegungen“ von Rotmilan und Fledermäusen als am Rohrenkopf.

Auch sonst spricht für die Investoren alles für den Standort im Norden von Gersbach. Eigene Messungen hätten ergeben, dass dort der Wind noch stärker bläst als im Windatlas des Landes angegeben – und auch bis zu einem Meter pro Sekunde stärker als an den südlichen Standorten. Mosthaf: „Ein Meter mehr - das sind Welten“.

Am Rohrenkopf wollen Enerkraft und EWS nach seinen Worten fünf Windräder aufstellen. In Bezug auf Schallemissionen unterschritten diese Anlagen die einschlägigen Grenzwerte deutlich – selbst bei Volllast. Die sei erreicht bei Windgeschwindigkeiten von 14 Metern pro Sekunde. „Da hält sich niemand mehr freiwillig im Freien auf“, so Mosthaf.

Ähnlich verhalte es sich mit dem Schattenwurf. Selbst unter der Voraussetzung, dass die Sonne an 365 Tagen im Jahr scheint und an ebenso vielen Tagen der Wind weht, sei maximal nur ein Gebäude vom Schatten betroffen – von 6 bis 7 Uhr am Morgen, aber auch nur in den Monaten Mai und August, so Mosthaf. Die fünf Windräder auf dem Rohrenkopf halten nach seinen Worten auch die Mindestabstände zur Wohnbebauung locker ein, sowohl nach Gersbach als auch nach Häg-Ehrsberg. „Wir sind bis zu 30 Prozent weiter entfernt“, so Mosthaf. Er bezifferte den Flächenverbrauch pro Anlage auf 2500 bis 3000 Quadratmeter. In der „Aufbauphase“ sei dieser zwar „doppelt so hoch“, doch die Fläche werde nach dem Aufbau der Windräder wieder „heran geforstet“. Auch in Bezug auf den Transport der Anlagen versprach der Enerkraft-Vertreter einen „Aufbau mit möglichst geringen Eingriffen“.

Mosthaf gab zu bedenken, dass eine WKA im Jahr etwa 6,5 Millionen Kilowattstunden Strom produziere. Zum Vergleich dazu verbrauche ein Vierpersonen-Haushalt etwa 4000 Kilowattstunden.

Schopfheim (wm). Mit einem „offenen Brief“ greift der Ortschaft Gersbach in die Debatte um die Windkraft ein. Zu Beginn der Gemeinderatssitzung am Montag verlas Manfred Deiss ein Stellungnahme, in der das Dorfparlament seine Position klar stellt und zugleich deren „Missachtung“ durch Stadtverwaltung und Gemeinderat beklagt.

Der Ortschafsrat sei sich im Klaren, heißt es in dem Schreiben, dass die Stadt aufgrund der Gesetzeslage auch in Gersbach geeignete Flächen für Windkraftanlagen auszuweisen habe, um einen „möglichen Wildwuchs“ zu verhindern.

Der Ortschaftsrat habe Ende Januar die Standorte Glaserkopf und Oberes Ried abgelehnt unter Verweis auf Landschaftsbild sowie Natur- und Artenschutz. Dem Standort Rohrenkopf habe das Gremium für maximal fünf Anlagen zugestimmt – allerdings nur unter bestimmten Bedingungen.

Für die Ortschaftsräte sei es deshalb „unverständlich und nicht nachvollziehbar“, warum im jetzt eingeläuteten Verfahren auch weiterhin die Standorte im Süden von Gersbach in Betracht kommen sollen. Eine Erklärung für diese „Missachtung“ des Ortschafstratsbeschlusses sei bis heute nicht erfolgt, heißt es in dem Brief. „Irritierend“ sei ebenfalls die Aussage des Bürgermeisters, Schopfheim könne mit Hasel das Gespräch über eine einvernehmliche Lösung nicht suchen. „Wieso schaffen wir es nicht“, so der Ortschaftsrat weiter, „mit unseren Nachbargemeinden einvernehmliche und für alle Bürger akzeptable Lösungen zu erarbeiten?“

Mit Hasel habe die Stadt sehr wohl das Gespräch gesucht, widersprach der Bürgermeister. Doch die Nachbargemeinde gehe in Sachen Windkraft halt nun mal eigene Wege. Im Übrigen hätten Verwaltung und Gemeinderat den Willen des Ortschaftsrates Gersbach sehr wohl zur Kenntnis genommen. Nur sei die Stadt rechtlich gehalten, mit allen theoretisch denkbaren Standorten für Windräder in das Genehmigungsverfahren via Flächennutzungsplan zu ziehen, betonte Christof Nitz.

Hans-Jörg Klein (SPD) sprang dem Bürgermeister bei. In einem solchen Verfahren dürfe man bestimmte Flächen nicht von vornherein ausschließen. „Das wäre ein Verfahrensfehler“, so der SPD-Stadtrat. Der Gemeinderat habe doch den „klaren Wunsch“ geäußert, die Flächen für Windräder zu beschränken. Aber das dürfe man nicht schon jetzt Wals Ergebnis zementieren“.