Schopfheim Orgelvirtuose erzeugt ein Höchstmaß an Farbigkeit

Jürgen Scharf
Zog alle Register: Scott Lamlein eröffnete den Schopfheimer Orgelsommer mit französischer Orgelsinfonik und amerikanischer Gegenwartsmusik. Foto: Jürgen Scharf

Von Jürgen Scharf

Schopfheim. Zum Auftakt des Orgelsommers trumpfte der amerikanische Gastorganist Scott Lamlein mit der fünften Orgelsinfonie von Widor auf – gespielt in voller Länge: ein überragender Interpret der französischen Orgelromantik.

Dass der Konzertorganist aus West Hartford im US-Bundesstaat Connecticut, der vor 15 Jahren schon einmal beim Schopfheimer Orgelsommer gastierte, Charles-Marie Widors fünfsätziges Großwerk komplett aufs Programm setzte und nicht Auszüge oder nur die finale Toccata spielte, wie so oft, war das ganz Besondere dieses Eröffnungskonzerts.

Wie behandelt nun Lamlein die Orgel als Ersatz für ein großes Orchester, ohne ihre Herkunft und Funktion zu verkennen? Ganz klar: nicht reißerisch, sondern intelligent und differenziert artikuliert. Wenn sich ein gleichermaßen energievoller und feinnerviger Interpret wie er dieses Werks annimmt und nicht nur die lauten Tutti-Stellen, sondern besonders die stillen Partien ausdrucksvoll nachzeichnet, entdeckt man in Widors Orgelsinfonie Schönheiten und Besonderheiten.

An der romantischen Voit-Orgel gelang es Lamlein, mit souveräner spieltechnischer Übersicht und wachem Sinn für Tempogestaltung und Registrierung ein Höchstmaß an Farbigkeit zu erzeugen und Momente zu schaffen, die den Zuhörer in Bann zogen und für diese französische Orgelmusik gewinnen ließen.

Nur ein paar Klangwahrnehmungen im Einzelnen: stürmisches Vorwärtstreiben im Allegro-Kopfsatz, der mit vollem Werk endet; großer formaler Bogen und ruhiges Verweilen im melodiösen zweiten Satz (Cantabile) mit seiner blühenden Melodik; selbstverständlicher Wechsel der Klangperspektiven vom Andantino zum Adagio sowie packender Schwung in der Toccata, dem berühmtesten „Orgel-Rausschmeißer“ aller Zeiten.

Dieser Orgelvirtuose schöpfte den ganzen Farbenreichtum der Emporenorgel aus und ließ sie in weicher Fülle und optimaler Durchhörbarkeit erscheinen. Bemerkenswert sein Klangsinn im Andantino mit der Schwellwerk-Dynamik. Eigentlich muss gar nicht erwähnt werden, dass Lamlein den Schlusssatz nicht reißerisch nimmt – keine Assoziationen an Jahrmarktsorgel und toccatenhafte Gehetztheit –, sondern mit Gespür für die Klangarchitektur.

Für die erfreulich vielen Zuhörer bei dem Auftaktkonzert war dies ein besonderes Erlebnis.

Wie Veranstalter Christoph Bogon betonte, spielt Scott Lamlein das gleiche Werk auch in der Pariser Kirche Saint-Sulpice an der weltweit berühmten Cavaillé-Coll-Orgel, wo Widor selber gewirkt und für die er komponiert hat. Aber um es nicht zu unterschlagen: Die Schopfheimer Emporenorgel blieb den Ansprüchen dieser Musik ebenfalls nichts schuldig.

Ein zusätzlicher Gewinn war, dass Lamlein drei Stücke von lebenden US-amerikanischen Komponisten über den großen Teich mitgebracht hatte. Tonmalerisch in Carson Coomans „Sunrise“-Stück, rhythmisch lebhaft, farbig und feierlich in Adolphus Hailstorks „Great Day“ und hymnisch in der „Hommage à Gershwin“ von Christa Rakich, einem Quodlibet auf „Slane“, einer alten irischen Ballade, kombiniert mit dem Song „Summertime“.

Weitere Informationen: Im Rahmen des Orgelsommers gibt es bis Ende des Monats jeden Donnerstag ein Orgelkonzert in der evangelischen Stadtkirche. Am 7. Juli, 20 Uhr, spielt Heinrich Walther (Heidelberg/Freiburg) zwei gewichtige Werke der Romantik: die große Sonate über den 94. Psalm des Liszt-Schülers Julius Reubke und seine eigene Orgeltranskription der Symphonie in d-Moll von César-Frank zu dessen 200-jährigem Geburtstagsjubiläum. Der Eintritt zu den Konzerten ist frei, um eine angemessene Spende wird jedoch gebeten. Das Tragen einer Maske ist dem eigenen Ermessen überlassen.

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