Schopfheim „Schlimmer als Kettensägen“

Wahrlich kein Lautsprecher: Der Lärmschutzbeauftragte des Landes-Baden-Württemberg, Thomas Marwein, kam bei seinem Besuch in der Markgrafenstadt eher auf leisen Sohlen daher.

Von Werner Müller

Schopfheim . In Begleitung seines SPD-Kollegen Rainer Stickelberger machte sich der Grüne-Abgeordnete ein Bild von den neuralgischen Lärm-Problemzonen in der Markgrafenstadt – angefangen von der Motorradstrecke zwischen Schopfheim und Gersbach über den Knoten der B 317/B 518 bis hin zu den Ortsdurchfahrten in Langenau und Enkenstein.

Schnelle Lösungen oder vollmundige Versprechen an die lärmgeplagten Anwohner hatte der Offenburger Landtagsabgeordneter dabei nicht im Gepäck. Wie auch: „Ich selber habe keine Durchsetzungskompetenz“, räumte Marwein ein. Die liege vielmehr bei übergeordneten Instanzen und Gesetzgebern wie EU oder Bund. Er sehe sich vielmehr als „Kümmerer für die Bürger“ und als „Ideengeber“ für die zuständigen Ämter und Behörden.

Sein Rat an Bürgermeister Dirk Harscher und die betroffenen Ortsvorsteher Ann-Bernadette Bezzel (Gersbach), Peter Ulrich (Kürnberg), Walter Würger (Langenau) und Eva Brutschin (Enkenstein) lautete denn auch, ihm in einem „offiziellen Anschreiben“ die örtlichen Probleme zu schildern. Er werde diese dann mit der nachdrücklichen Bitte um Abhilfe an die zuständigen Stellen weiterleiten. „Da enden meine Möglichkeiten“, gestand Thomas Marwein, fügte zugleich aber hinzu: „Man muss am Ball bleiben“.

Bürgermeister Dirk Harscher betonte, die Erwartungshaltung der Bürger in Bezug auf besseren Schutz gegen Lärm sei „sehr hoch“. Das bekomme er vor allem bei seinen regelmäßigen Sprechstunden zu hören. Der Stadt seien in den allermeisten Fällen die Hände gebunden, zuständig seien vielmehr die Verkehrsbehörden.

Rennstrecke nach Gersbach

Dass die sich mit der Lösung der Lärmprobleme schwer tun, erfuhr Thomas Marwein in Kürnberg aus erster Hand. Die Kreisstraße nach Gersbach sei eine „Lieblingsstrecke für sportlich ambitionierte Kraftfahrer“, berichtete Ortsvorsteher Peter Ulrich. Vor allem die Zweiradfahrer produzierten „Riesenlärm“, wenn sie an den Ortsausgängen wieder Vollgas geben. An Wochenenden sei der Krach „schlimmer als Kettensägen“. Bei der Suche nach Lösungen wie beispielsweise einem durchgehendem Tempolimit in Höhe von 70 km/h legten die Behörden „extreme Zurückhaltung“ an den Tag, so Ulrich.

Seine Gersbacher Kollegin Ann-Bernadette Bezzel berichtete, im DRK-Ortsverband seien mittlerweile viele Ersthelfer nach Einsätzen bei tödlichen und schweren Unfällen traumatisiert. Viele Dorfbewohner fühlten sich auf der Strecke, wo vor allem an Wochenenden die Motorräder „dicht an dicht und Gruppe an Gruppe“ unterwegs seien, nicht mehr sicher. Da fänden sogar regelrechte Wettrennen mit Zeitnahme statt, so Bezzel.

„Wir fühlen uns im Stich gelassen“, klagte Daniela Gempler, Anwohnerin an der Kreisstraße in Kürnberg. „Die schönsten Tage sind Regentage“, pflichtete Bernhard Mäder ihr bei.

Motorradlärm sei ein bundes- und landesweites Problem, räumte Thomas Marwein ein. „Bei 80 Sachen geht die Klappe auf“, sagte er. Die heutigen Maschinen seien „legal zu laut“. Da stießen sogar die Genussfahrer an ihre Grenzen: „Es geht gar nicht mehr leise“, so der Grüne-Politiker, einst selbst Motorradfahrer. Zuständig für die Zulassung sei eine UNO-Kommission, in der auch die Hersteller ein gewichtiges Wörtchen mitzureden hätten.

Das Steuer herumzureißen sei angesichts der Vielschichtigkeit des Problems in der Tat ein „schwieriges Unterfangen“. Aber immerhin hätten sich der Initiative „Motorradlärm“ des Landes schon 150 Städte und Kommunen angeschlossen – diese repräsentierten immerhin 3,5 bis vier Millionen Einwohner. Im Sinne eines generellen Tempolimits zwischen Kürnberg und Gersbach beispielsweise bleibe der Appell an das zuständige Landratsamt, seinen durchaus vorhandenen „Ermessensspielraum zu nutzen“, riet der Grüne-Abgeordnete .

Der Knoten B 317 / B 518

„Null Lärmschutz“ gibt es am Knoten B 317 / B 518, wie Bürgermeister Dirk Harscher dem Besucher mit Blick auf das benachbarte Wohngebiet erläuterte. Vor allem Laster, aber auch Motorräder seien hier die Hauptverursacher. Thomas Marwein verwies auf den Lärmaktionsplan, den ja auch Schopfheim vorzuweisen habe. Den sollte die Stadt überarbeiten lassen und bei „entsprechenden Emissionswerten“ auf Gegenmaßnahmen pochen - beispielsweise Lärmschutzwände, Tempolimit oder Flüsterasphalt.

Das Sorgenkind: die L 139

Als „Sorgenkind“ für Langenau und Enkenstein bezeichnete das Stadtoberhaupt die L 139, auf der wegen der Kreismülldeponie, eines Steinbruchs und eines Holzlagers im Kleinen Wiesental viel Schwerverkehr anfalle.

„Stückwerk“ sei Tempo 30, das nur für einen Teil des Dorfes gelte, ärgerte sich Ortsvorsteher Walter Würger. Notwendig seien vielmehr durchgehend Tempo 40, ein leiser Straßenbelag und regelmäßige Geschwindigkeitskontrollen.

Mit den gleichen Nöten habe Enkenstein zu kämpfen, berichtete Ortsvorsteherin Eva Brutschin. Mittlerweile habe sich eine Initiative gegründet, 100 Dorfbewohner hätten sich schon in einer Unterschriftenliste eingetragen. Die Lebensqualität leide unter dem Lärm. „Wir wollen, dass wieder Ruhe ins Dorf einkehrt“, so Eva Brutschin.

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