Schopfheim „Schon ein bisschen zynisch“

„Gebetsmühlenartig“ habe die Bürgerinitiative „Attraktive verkehrsfreie Innenstadt“ (BI) wieder einmal ihre Visionen für die Innenstadt vorgestellt - paradox, findet der Gewerbeverein, denn die Debatte gebe es schon lange.

Schopfheim (ma). Eine Debatte, die auf allen Ebenen geführt werde, auch im seit sechs Jahren bestehenden „Arbeitskreis verkehrsfreie Innenstadt“, dem die BI angehöre, so Stefan Klever und Martin Bühler gestern bei einem Pressegespräch.

Im Arbeitskreis würden alle innenstadtrelevanten Aspekte mit Experten diskutiert. Wichtigstes Thema sei die Reduzierung und Lenkung des Verkehrsflusses. Aus Sicht des Gewerbevereins ist der Arbeitskreis die ideale Plattform, auf der die verschiedenen Gruppen ihre „Visionen“ vorstellen könnten. Gerade die vielfältige Zusammensetzung stehe für gute Ergebnisse, die ein breites Spektrum an Meinungen aus der gesamten Bürgerschaft repräsentierten.

Eine ganze Reihe an Vorschlägen sei beschlossen und teilweise umgesetzt worden, etwa der autofreie Stadtplatz, Möblierung, Bücherkiste, Parkkonzept, Fußgängerleitsystem, Beschilderung, Gestaltung Viehmarktplatz und Hauptstraße zwischen „Kranz“ und „Adler“-Kreisel, Fußgängerzone Scheffelstraße, durchgängig befahrbare Nordumfahrung.

Dass es auch für die BI notwendig wäre, Expertenrat einzuholen, beweisen nach Ansicht des Gewerbevereins „einige falsche Einschätzungen und Vorschläge“, die eine „schon fast erschreckende Ahnungslosigkeit und Naivität“ offenbarten. Dass die Menschen ihre Einkäufe immer mehr über das Internet tätigen, stimme so nicht ganz, dieses Thema müsse differenzierter gesehen werden.

Wer wie die BI dem innerstädtischen Einzelhandel die Zukunftsfähigkeit abspreche, ihn womöglich nur noch als eine temporäre Einrichtung wahrnehme und mit diesen Aussagen dazu beitrage, den Handel „tot zu sprechen“, der entziehe den Bürgern eine der wichtigsten und bewährtesten Kommunikationsplattformen, beziehen Klever und Bühler Stellung. Ganz nebenbei bemerkt, würden die Mitarbeiter im Handel (immerhin ist der Einzelhandel einer der größten Arbeitgeber der Stadt) und die Inhaberfamilien der örtlichen Geschäfte die gemachten Aussagen schon fast ein bisschen als „zynisch“ empfinden.

„Schopfheim ist, wie uns unterschwellig suggeriert werden soll, auch heute keine vom Verkehrsmoloch geplagt graue Kleinstadt, sondern ein lebendiges, liebenswertes Städtchen, in der viele tolle Menschen wohnen, mit bemerkenswerter historischen Bausubstanz, mit aktuellen städtebaulichen Highlights sowie mit einem aktiven Einzelhandel“, hebt der Gewerbeverein hervor. Punktuell gebe es gerade im Verkehr Handlungsbedarf (zum Beispiel gebe es am Samstag zu viele Autos), die Aufenthaltsqualität müsse verbessert, und städtebaulich müsse die Stadt weiterentwickelt werden. Daran werde gearbeitet - „von verantwortungsbewussten Frauen und Männern im Gemeinderat und in der Verwaltung, unterstützt von dem hochmotivierten, engagierten Mitgliedern des AK Innenstadt“.

Es gebe einen starken Trend zurück in die Innenstädte, der auch in Schopfheim unverkennbar sei, so Stefan Klever. Viele Bürger verlegten ihren Wohnsitz in die Innenstadt. Zentrumsnaher Wohnraum sei begehrt. Für diese Menschen sei eine fußläufige Nahversorgung und attraktiver Einzelhandel von zentraler Bedeutung.

„Unter dem Strich muss festgestellt werden, dass die Einwohner von Schopfheim ihre Stadt wohl nicht so negativ wahrnehmen wie die BI uns weismachen möchte“, bezieht der Gewerbeverein Stellung.

„Wir brauchen für Schopfheim keinen Hauch von Ravenna, sondern pragmatische, vom gesunden Menschenverstand geprägte Entscheidungen, gerne etwas gewürzt mit dem visionären Gedankengut der BI, aber eben nur gewürzt, es kommt da doch sehr auf die Dosis an.“

Schopfheim (ma). Ein weiteres Beispiel „kenntnisarmer Einschätzungen“ der BI „Attraktive verkehrsfreie Innenstadt“ sind für den Gewerbeverein die „Visionen“ zu den alten Uehlin-Häusern. Innenstadt-Treffpunkt mit Kulturangeboten?

„Schön und gut. Nur leider fehlt der wirtschaftliche Background gänzlich. Kein Wort von den Investitionskosten, nichts zu den Folgekosten“, kritisieren die Gewerbeleute. Gerade die Folgekosten für derlei Einrichtungen würden die Kommunen vor fast unlösbare Aufgaben stellen. „Wir vom Gewerbeverein plädieren dafür, in diesen Häusern in bester Innenstadtlage hochwertigen Einzelhandel zu entwickeln und den Erlös der Häuser in die bestehenden kulturellen Einrichtungen und Kommunikationsräume zu investieren.“

Ähnlich verhalte es sich mit dem Vorschlag, Verwaltungstätigkeiten aus den Rathäusern auszulagern und dafür VHS, Musikschule und Tourist-Info anzusiedeln. Dies seien defizitäre Einrichtungen, die subventioniert werden müssten und auch weiterhin subventioniert werden sollten. „Aber wir sollten schon darauf achten, dass sich die Subventionskosten nicht vervielfachen. Sorry, liebe BI, das ist alles wohl doch ein bisschen Träumerei“, so der Gewerbeverein.

2014 wurden nach Angaben des Gewerbevereins rund zehn Prozent des Einzelhandels über das Internet abgewickelt, mit großem Unterschied der einzelnen Branchen (Quelle: HDE, Handelsverband Deutschland). Experten gehen davon aus, dass sich der Anteil langfristig bei maximal 20 Prozent einpendeln wird. Das heißt, mindestens 80 Prozent der Einkäufe werden auch künftig im stationären Handel getätigt. Im übrigen zeigten Studien, dass es einen neuen Trend (Cross-Channel-Marketing) gibt, der dem stationären Handel wieder wachsende Bedeutung voraussagt. Die Konsumenten informieren sich im Internet, tätigen den Kauf dann aber im Geschäft vor Ort, so der Gewerbeverein. Gründe: Servicequalität des stationären Handels und das Kommunikations- und Einkaufserlebnis.

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