Von Jürgen Scharf

Schopfheim-Fahrnau. Ein starkes Stück: die Cellosonate op.40 des 28-jährigen Dimitrij Schostakowitsch. Die Sonate war schon in Russland erfolgreich, doch auf einer Tournee mit diesem Werk muss der Komponist in der Prawda lesen, dass man ihm „Chaos statt Musik“ vorwirft. Das Werk gilt im Westen als etwas unproblematisch und harmlos – ist es aber nicht, wie man beim Saisonauftakt der Stiftungskonzerte „Klassik im Krafft-Areal“ in Schopfheim hören konnte.

Die Programmeröffnung der im neunten Jahr bestehenden Reihe gestalteten die Zürcher Cellistin Anita Leuzinger und der österreichische Pianist Anton Kernjak mit einem attraktiven, aber anspruchsvollen Programm: Neben dem Spätwerk-Stil Beethovens, der zu seiner Zeit Ratlosigkeit beim Publikum hervorgerufen hat, der zweiten Wiener Schule und Zeitgenössischem stand das Frühwerk Schostakowitschs. Selten hört man dessen Cellosonate so impulsiv gespielt, mit so viel rhythmischer Verve und kontrastreicher Dynamik. Man denke nur an das unerbittlich hämmernde Ostinato und die hohen Oktaven im Klavier, an den Gesang des Cellos zu stockenden Klavierakkorden im Largo, an das burleske Scherzo und das sarkastische Finale, um zu wissen, dass hier zwei hervorragende Gestalter am Werk sind: die Espressivo-Cellistin mit energischer Diktion und kräftigem Bogen, ihr Klavierpartner mit subtilen Anschlagsnuancen und klarer, transparenter Artikulation.

Wenn den Interpretationen an diesem Abend etwas gemeinsam war, dann die kontrastierende Anlage im Spiel dieses Duos, das sich gleich bei Beethovens fünfter und letzter Cellosonate (op.102) in spannungsreichen Kontrasten zwischen kraftvoll (Allegro-Kopfsatz und Fugenfinale) und versunken (ruhiges, inniges Adagio) bewegt. Der Vortrag ist sehr konzentriert, die Korrespondenz und Balance vorzüglich, die Gegensätze (zwischen dem knappen, kompakten ersten Satz, dem kontemplativen langsamen zweiten und der strengen Form im dritten) sind plastisch herausgearbeitet. So hochrangig, tieflotend und eindringlich interpretiert wirkt diese vielleicht sperrige Musik auf den heutigen Zuhörer bezwingend und ganz anders als zu Lebzeiten Beethovens.

Längst kennen wir den musikalischen Expressionismus eines Anton Webern und Alban Berg. In dieser Welt fühlen sich die beiden Musiker spürbar zu Hause. Denn inspirierter, expressiver und dynamisch kontrastreicher kann man die komprimierten, aphoristisch kurzen Stücke Weberns kaum spielen. Die späten drei kleinen Stücke op.11 erklangen in einer emotionalen Ausdrucksdichte sondergleichen, ebenso wie die hochromantischen, noch in tonaler Stimmung geschriebenen Jugendstücke Weberns. Leuzinger und Kernjak nutzen die Dynamik dieser Konstellation, dass die Stücke nicht unterschiedlicher sein könnten.

Der Cellist und Komponist Thomas Demenga bezieht sich in seiner „Kleinen Erregung über Bach und Berg“ thematisch auf einen Choral von Bach, den Alban Berg in seinem Violinkonzert („Dem Andenken eines Engels“) verwendet. Demenga greift auf dieses Bach-Zitat bei Berg zurück und drückt in kurzer Zeit viel aus, wobei sich die Modernität des Stücks auch darin zeigt, dass der Pianist Saiten im Flügel zupfen muss. In diesem ersten Programmteil tat das Publikum in der Fahrnauer Tonhalle gut daran, konzentriert zuzuhören, um keine einzige Note zu verpassen.