Schopfheim „Viele positive Rückmeldungen“

Schopfheim-Fahrnau - Es summt und brummt, es kreucht und fleucht: Auf der Insektenweide beim Fahrnauer Friedhof herrscht Leben. Da wachsen Ringelblumen, Malven, Klatschmohn, Schafgarbe und Natternkopf, typische Acker-Unkräuter, es gedeiht der Kümmel. Und ganz viele Kornblumen leuchten. „Die sind bei Bienen und Hummeln am beliebtesten“, sagt Christine Arncken, ehrenamtliches Vorstandsmitglied des Kambium-Vereins.

Eine große Runde hat sich am Fahrnauer Friedhof versammelt: Vertreter der Stadt, vom Hof Dinkelberg und vom Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) blicken auf den bunten Flecken, der sich von platt gemähten Wiesenflächen radikal unterscheidet. „Es ist verrückt, was da für ein Leben herrscht“, freut sich Bauhofleiter Stefan Wetzel über den Erfolg der gemeinsamen Aktion unter der Regie des städtischen Bauhofs.

Dabei handelt es sich nicht um angepflanzte Blumen, sondern um eine ausgesäte Blühmischung, die dafür sorgt, dass sich die Insekten ihres Lebens erfreuen. Honig- und Wildbienen sowie verschiedene Hummelarten tummeln sich auf der Weide.

Vor zwei Wochen sei die Fläche sogar noch bunter gewesen, sagte Christine Arncken. Doch auch verblühte, ausgesäte Kornblumen sind noch wichtig für Insekten. Die Fläche wird erstmal nicht gemäht, höchstens mit der Sense, die Blumen säen von selbst aus, und die trockenen Strohsterne bieten Überwinterungsmöglichkeiten für Insekten.

Es gebe zahlreiche positive Reaktionen auf die bunten Insektenweiden, hieß es, und auch die Projektpartner sind zufrieden. Alle wollen dafür sorgen, dass Insekten Areale vorfinden, auf denen ihnen üppig blühender Pflanzenwuchs möglichst optimale Bedingungen zur Vermehrung bietet.

In einem ersten Schritt wurden drei Areale angelegt, neben dem Bereich beim Fahrnauer Friedhof, der größten Insektenweide, sind dies Flächen beim Regenrückhaltebecken in Gündenhausen und in der Blumenstraße / Lusweg.

Dass die Stadt so viele Blühbeete schafft, erfreut die langjährige Naturschutzbeauftragte Ruth ­Noack. „Hier gibt es viele Arten, die auf einer Wiese nicht vorkommen.“ Markus Hurter, Leiter des initiativ wirkenden Hof Dinkelberg, erinnert daran, dass der Insektenbestand um 75 Prozent zurückgegangen sei. Vor 50 Jahren habe man viermal so viele Insekten als heute verzeichnet. „Das ist alarmierend.“ Insekten würden wichtige Aufgaben im Ökosystem erfüllen, sie seien zum Beispiel für die Bestäubung der Früchte zuständig und Teil der Nahrungskette. Deshalb gehe es darum, die Welt der Insekten nach und nach zu fördern.

„Vermisste Insektenarten treten wieder auf“

Klaus Böttger sprach namens der BUND-Ortsgruppe Lob und Anerkennung für das ganze Team der Stadtgärtnerei innerhalb des Bauhofs aus. Der BUND habe sich schon vor Jahren des Themas Artenvielfalt angenommen und sich beispielsweise auch mit den Schopfheimer Kreiseln befasst. Ökologisch an erster Stelle stehe der Kreisel beim Schwimmbad. Auch Landwirte legten immer häufiger Blühstreifen neben den Feldern an.

Die Stadt achte darauf, beim Rasenmähen Blumen stehenzulassen und dass Bäume nicht kaputtgeschnitten werden, teilte Michael Geiger, Vorarbeiter bei der Stadtgärtnerei, mit.

Obwohl schon seit 30 Jahren in Diensten, sei sie fasziniert, schwärmte Karin Miehle-Bohne, Mitarbeiterin der Stadtgärtnerei, von den Insektenweiden. „Es ist ein Traum für mich.“ Reiner Geiger, stellvertretender Vorarbeiter bei der Stadtgärtnerei, freut besonders, dass es keine „Kleckerliswirtschaft“ sein soll, sondern die Stadt Insektenweiden auf großen Flächen ansiedele.

Klaus Böttger vom BUND merkte an, wichtig sei, dass auch Privatleute dem städtischen Beispiel folgten und die „öden, 14-tägig gemähten Rasen“ in Blühbeete umwandeln: „Wenn alle mithelfen, treten vermisste Arten wieder deutlich stärker auf.“

Vor allem müssten Schottergärten vermieden werden, denn die seien „tödlich für alles Leben“. Die Stadt wolle hier ein deutliches Signal setzen, bekräftigte Bauhofleiter Stefan Wetzel, bei dem die Fäden zusammenlaufen. Sie wolle die Bürger animieren, ebenfalls Insektenweiden anzulegen. Denn: „Es ist eine gemeinsame Anstrengung.“

Die drei Weiden seien indes lediglich ein Test. Stetig werde man das Konzept weiterentwickeln, wobei man an die noch nicht angelockten Schmetterlinge und eine veränderte Mähkultur denke sowie auch den Industriekreisel in der Wiechser Straße vor Augen habe. Er könne sich durchaus vorstellen, so Wetzel, dass auch Gewerbe und Industrie auf ihren großen Flächen Insektenweiden anlegen.

Wie es der Zufall wollte, kam Unternehmer Wilfried Blum des Weges, der die bunte Blühfläche bewunderte. Er habe mehr mit Beton zu tun, so Blum, doch die bunten Insektenweiden hätten es ihm so angetan, dass er sich erkundigen wolle, wo man die Blumensaat erhalten könne. Das erste „Säckli“, versprach Bauhofchef Wetzel, werde die Stadt ihm als Geschenk überlassen.

Termininfo: Am kommenden Montag, 3. August, lädt die BUND-Ortsgruppe alle interessierten Bürger zu einem Infonachmittag über die Insektenweide ein. Treffpunkt ist um 17 Uhr beim Fahrnauer Friedhof.

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