Schopfheim Virtuoser Sturm an den Pedalen

Markgräfler Tagblatt, 17.07.2017 23:05 Uhr

Eine Toccata ist ein fantasieartiges, freies Stück, das in gleichförmiger schneller Bewegung abläuft und sich bestens für die Orgel eignet. Beim „Schopfheimer Orgelsommer“ zündete die 35-jährige, in Heidelberg lebende russische Orgelvirtuosin Maria Mokhova ein bemerkenswertes Toccaten-Feuerwerk.

Von Jürgen Scharf

Schopfheim. Sie selber hatte das Programm so betitelt und aus dem reichen Angebot an Toccaten quer durch die Jahrhunderte eine interessante Auswahl getroffen, die nicht die bekanntesten Toccaten-Ohrwürmer wie Bachs berühmte d-Moll-Toccata oder die Widor-Toccata aus dessen fünfter Orgelsinfonie beinhaltete, sondern nicht weniger spannende Werke.

Dabei griff Mokhova, auch ausgebildete Pianistin, auf die berühmt-berüchtigte und bei Pianisten gefürchtete Toccata von Sergej Prokofjew zurück.

Dieser wiederum nahm sich Schumanns Toccata zum Vorbild, mit der jener seine Technik trainierte, seine Handdehnung und die Unabhängigkeit der einzelnen Finger.

Prokofjew hat bei Schumann genau hingehört und mit seiner Toccata selber eine wahnsinnige, höllisch schwere Teufelei komponiert. Da sie aber orgelpunktähnliche Repetitionen aufweist, kommt der statische Orgelklang dieser motorisch-maschinellen Musik entgegen. Die Orgelbearbeitung von Jean Guillou hat Mokhova mutig in ihr Programm gehievt. Vielleicht verliert dieses so zur Orgeltoccata gewordene diabolische Stück etwas von seiner sarkastischen Schärfe des Martellato-Klavierklangs, hat dafür aber orchestralere Wucht, wird wirklich zu einer maschinenmäßigen Hexerei, zu einer „Metallplastik in Musik“.

Die ehemalige ION-Preisträgerin von 2007 weiß nicht nur sich selbst im eleganten schwarzem Abendkleid mit Schleppe, sondern auch dieses wirkungsvolle Stück am Orgeltisch aufregend zu inszenieren. Sie hat dafür die koloristische Brillanz und makellose Technik und demonstriert eindrucksvoll die Motorik dieser Musik mit dem abschließenden Glissando. Da wurde einmal beim Orgelsommer die Technik gefeiert.

Aber auch andere Toccaten hatten es in sich, angefangen bei Bach (BWV 564) mit dem anschließenden schönen Vivaldi-ähnlichen Adagio, oder Toccata, Fuge und Hymne über Ave maris stella von Flor Peeters mit ihren Schwellwerk-Mixturen bis zur Toccata aus der Suite Gothique von Léon Boellmann - auch ein wilder Sturm, der hier vor allem auch im Pedal tobt, ähnlich wie in Prokofjews wahnsinnig virtuoser Pedalarbeit.

Auch sehr schwierig angehört hat sich die sirrende Toccata von Maurice Duruflé aus der Orgel-Suite op. 5, mit der die Organistin mit erstaunlichen Kraftreserven eine Rakete zündet mit triumphalem Abschluss.

Damit das Programm nicht zu Toccaten-lastig wurde, gab es kleine Ruhe-Inseln im Programm, etwa das an der Emporenorgel gespielte wunderschöne Prière à Notre Dame von Boellmann mit seinen Schwebungen, bei dem die Interpretin die Farbenlehre romantischer Klänge vorführte, und geradezu erholsam nach der Tobsucht im Prokofjew-Finale, die atmosphärisch flirrende Sicilienne von Duruflé: meditative Stücke, bei denen man nach der Kette von hell gleißenden Toccaten-Läufen wieder Luft holen konnte.

Das Publikum, das von Mal zu Mal zahlenmäßig zunimmt, ließ sich sogar zu Zwischenapplaus hinreißen. Es war aber auch ein tolles Konzert!